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Wie entsteht eine lebendige Kultur? 10 Bausteine für Räume von Tiefe und Verbundenheit

Wie schaffen wir Räume, in denen echte Lebendigkeit und Verbundenheit spürbar werden? Viele von uns sehnen sich nach Begegnungen, in denen wir als ganze Menschen willkommen sind und nicht nur funktionieren müssen. Doch unsere gewohnte, alltägliche Kultur lädt eher zu Oberflächlichkeit, mentalen Gesprächen und geplantem Funktionieren ein – oft bleibt wenig Raum für tiefere Begegnungen und lebendigeren Ausdruck. Stattdessen erleben wir in der Gesellschaft wachsende Einsamkeit, Entfremdung, innere Leere, Überlastung, Krisen und ein Auseinanderdriften der sozialen Bindungen.

Die “normale” Kultur erschöpft sich häufig in Kontrolle, Konkurrenz und einem Takt, der uns von unseren eigenen Bedürfnissen und voneinander entfremdet. Eine lebendige Kultur hingegen erinnert uns daran, wer wir als Menschen sein können: verbunden, schöpferisch, miteinander verbunden in einem größeren Ganzen. Sie ist kein Luxus, sondern eine Antwort auf die Krisen unserer Zeit – ein Fundament für Heilung, Gemeinschaft und die Entwicklung einer gesunden, zukunftsfähigen Gesellschaft.

Um diese lebendige Kultur zu etablieren, braucht es Bausteine, die bewusst einen anderen Rahmen setzen und neue Erfahrungsräume öffnen. Die folgenden 10 Bausteine haben sich in unseren Workshops und Seminaren bewährt und ermöglichen es, Schritt für Schritt ein neues, tieferes und verbundeneres Miteinander zu gestalten:

Dieser Artikel richtet sich an Menschen, die transformative Räume gestalten – Wandelakteur:innen, Veranstalter:innen, Facilitator:innen, Community-Builder und alle, die Seminare, Begegnungsformate oder Gemeinschaftsprojekte organisieren.

„Bei Regeneration geht es nicht darum, die Welt wieder zum Leben zu erwecken, sondern uns wieder zum Leben zu erwecken.“ - Paul Hawken

Wie schaffen wir Räume, in denen echte Lebendigkeit und Verbundenheit spürbar werden? Viele von uns sehnen sich nach Begegnungen, in denen wir als ganze Menschen willkommen sind und nicht nur funktionieren müssen. Doch unsere gewohnte, alltägliche Kultur lädt eher zu Oberflächlichkeit, mentalen Gesprächen und geplantem Funktionieren ein – oft bleibt wenig Raum für tiefere Begegnungen und authentischen Ausdruck. Stattdessen erleben wir in der Gesellschaft wachsende Einsamkeit, Entfremdung, innere Leere, Überlastung, Krisen und ein Auseinanderdriften der sozialen Bindungen.

Die “normale” zwischenmenschliche Kultur erschöpft sich häufig in Kontrolle, Konkurrenz und einem Takt, der uns von unseren eigenen Bedürfnissen und voneinander entfremdet. Eine lebendige Kultur hingegen erinnert uns daran, wer wir als Menschen sein können: verbunden, schöpferisch, miteinander verbunden in einem größeren Ganzen. Sie ist kein Luxus, sondern eine Antwort auf die Krisen unserer Zeit – ein Fundament für Nachhaltigkeit, Gemeinschaft und die Entwicklung einer gesunden, zukunftsfähigen Gesellschaft.

Um diese lebendige Kultur zu etablieren, braucht es Bausteine, die bewusst einen anderen Rahmen setzen und neue Erfahrungsräume öffnen. Die folgenden 10 Bausteine haben sich in unseren Workshops und Seminaren bewährt und ermöglichen es, Schritt für Schritt ein neues, tieferes und verbundeneres Miteinander zu gestalten. Sie bieten Orientierung für alle, die tiefere Räume ermöglichen wollen – sei es bei Retreats, Community-Building, Netzwerktreffen, im Bildungsbereich oder in der Teamentwicklung.

Lebendiges Individuum
1. Ganzheitlichkeit: Den ganzen Menschen willkommen heißen
2. Die eigene Begeisterung als Kompass
3. Psychologische Sicherheit als Grundlage für Entfaltung

Lebendiges Miteinander
4. Spannungen und Konflikte als Potenziale
5. Lebendige Balance von Struktur und Offenheit
6. Freier Fluss von Geben und Nehmen

Lebendiger Naturkontakt
7. Verbundenheit mit der Mitwelt und Natur
8. Lebendige Umgebungen
9. Würdigung der natürlichen Zyklen

Die Schwelle ins Lebendige
10. Übergangsrituale für eine neue Kultur

Lebendiges Individuum

1. Ganzheitlichkeit: Den ganzen Menschen willkommen heißen

Eine lebendige Kultur beginnt damit, dass der ganze Mensch eingeladen wird: Körper, Verstand und Herz sind gleichermaßen willkommen. Es reicht nicht, das nur zu sagen – es braucht konkrete Räume und Übungen, in denen etwa Körperbewegung, Emotionen oder Stille bewusst Platz finden. Wer dann erfährt, dass er wirklich mit allem erscheinen darf, fühlt sich angenommen, findet Vertrauen und kann tiefe Verbindungen aufbauen. So entsteht ein Umfeld, in dem ein lebendiges und authentisches Miteinander selbstverständlich wird.

2. Die eigene Begeisterung als Kompass

In vielen Kontexten sind wir es gewohnt, uns anzupassen und Erwartungen anderer zu erfüllen. Doch echte Lebendigkeit entsteht, wenn Menschen ihrer eigenen Energie und Begeisterung folgen dürfen. Das braucht Erlaubnis, Freiraum und Vorbilder, die das selbst verkörpern. Es kann herausfordernd sein, vertraute feste Pläne und gemeinsame Abläufe loszulassen und stattdessen Emergenz und die Fülle individueller Impulse, Bedürfnisse und Ideen zuzulassen. Diese Offenheit lohnt sich: Wenn sich die Vielfalt individueller Energien entfalten darf, kommt oft weit mehr kreative Kraft und kollektive Intelligenz ins Fließen, als es durch eine einzelne Person oder einen festen Plan möglich wäre. So entsteht ein kraftvolles, lebendiges und gemeinsames Feld.

3. Psychologische Sicherheit als Grundlage für Entfaltung

Wirkliche Entfaltung ist nur dort möglich, wo Menschen sich sicher fühlen – mit sich selbst, mit anderen und im Raum, der sie umgibt. Psychologische Sicherheit bedeutet: Jede*r darf sich zeigen, ohne Angst vor Abwertung, Überforderung oder Grenzverletzungen. Sie entsteht, wenn Räume bewusst so gestaltet werden, dass Begegnungen respektvoll gestaltet werden, Menschen entspannen können und ihre Nervensysteme sich regulieren können.

Ein wichtiger Faktor, ob wir entspannt sind oder nicht, ist ein nervensystemgerechte Kommunikation: Entschleunigung, bewusste Pausen und ein sensibles Gespür für Überforderung helfen, Anspannungen und latentem Stress vorzubeugen und Vertrauen aufzubauen. Ebenso wichtig ist das Prinzip des Konsens: Nähe – sei es ein Gespräch, eine Berührung oder eine Umarmung – wird bewusst erfragt: „Darf ich?“ oder „Ist das gerade stimmig?“. So entsteht ein Raum, in dem sich alle sicher fühlen können, weil klar ist: Grenzen werden gesehen, respektiert und dürfen jederzeit gesetzt werden.

Psychologische Sicherheit ist die Grundlage dafür, dass Menschen den Mut finden, ihre Komfortzone zu verlassen, sich einzubringen und gemeinsam Neues zu wagen.

Lebendiges Miteinander

4. Spannungen und Konflikte als Potenziale

Statt Spannungen und Konflikte zu vermeiden oder unter den Teppich zu kehren, erkennt eine lebendige Kultur diese als wertvolle Energie- und Erkenntnisquellen. Mit passenden Formaten, Haltungen und Methoden können diese Herausforderungen in Kraftquellen verwandelt werden. Konkret bedeutet das: Spannungen werden offen angesprochen und als gemeinsame Lernfelder gesehen. Ansätze wie „Deep Democracy“, „Council“ oder „Beginning Anew“ helfen, Spannungen konstruktiv in den Austausch zu bringen und gemeinsam zu integrieren.

Ein wesentlicher Aspekt dabei ist Traumabewusstsein: Viele Menschen tragen alte Verletzungen und Wunden mit sich, die in bestimmten Situationen unbewusst aktiviert werden können. Traumabewusstsein bedeutet, diese Dynamiken zu erkennen, das eigene und kollektive Nervensystem in den Blick zu nehmen und Räume so zu gestalten, dass Menschen nicht überfordert oder retraumatisiert werden. Achtsamkeit, Entschleunigung und das Anerkennen von Triggern helfen, Spannungen sicher zu halten und Prozesse zu begleiten.

Wenn auf diese Weise Raum für die unterschiedlichen Perspektiven, Bedürfnisse und Erfahrungen geschaffen wird, entsteht eine Kultur, in der Konflikte nicht mehr beängstigen, sondern als natürlicher Teil des Zusammenlebens geschätzt werden – als Symptome von Energie und Weisheit, die freigesetzt werden wollen.

5. Lebendige Balance von Struktur und Offenheit

Lebendigkeit braucht einen Rahmen, der zugleich Halt und Freiheit gibt. Weder starre Regeln noch Chaos fördern Lebendigkeit – beides kann das Miteinander blockieren. Stattdessen braucht es eine Balance: Lebendige Strukturen, die Orientierung und Sicherheit geben, und zugleich Offenheit für das, was spontan entstehen will - wie ein flexibler Bilderrahmen, in dem sich das Bild ständig wandeln darf. Zu viel Struktur kann Innovation und Lebensfreude ersticken, zu wenig Struktur führt schnell zu Überforderung, Chaos und Anstrengung. Diese Balance muss immer wieder neu ausgelotet und angepasst werden – je nach Gruppe, Anlass und Dynamik.

6. Freier Fluss von Geben und Nehmen

Oft herrscht in unserer Kultur gleichzeitig Mangel und Überfluss, weil Bedarfe und Gaben nicht offen kommuniziert und in Austausch gebracht werden. Jemand könnte z.B. Kinderbetreuung gebrauchen und eine ältere Person ist einsam und würde sich prinzipiell freuen, auszuhelfen. In einer lebendigen Kultur geht es darum, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich trauen, ihre Bedürfnisse und Angebote zu zeigen – ohne Angst oder Scham, bedürftig oder schwach zu erscheinen oder sich umgekehrt privilegiert und deshalb schuldig zu fühlen. Ein wichtiger Schritt ist der offene Austausch über diese Unsicherheiten und inneren Hemmnisse. Wenn Ängste und Scham besprechbar werden, kann Vertrauen wachsen – und wer sich gesehen fühlt, kann sich für Geben und Nehmen öffnen.

Zudem braucht es Orte, die den konkreten Austausch über Angebote und Bedarfe ermöglichen und einladen. Dies gelingt durch Schenktische, auf denen Dinge geteilt und getauscht werden, durch Aushänge oder ein digitales Schwarzes Brett, auf dem sichtbar wird, wer gerade welche Unterstützung sucht oder anzubieten hat, oder durch gemeinsame Runden, in denen Bedürfnisse und Angebote ausgesprochen werden. Auch der Umgang mit Geld kann neu gestaltet werden: Statt fester Preise laden selbstbestimmte, freiwillige Beiträge dazu ein, dass jede:r nach den eigenen Möglichkeiten gibt.

Werden diese Rahmenbedingungen geschaffen, zeigt sich oft eine fast magische Fügung: Bedarfe und Angebote finden auf überraschende Weise zusammen, und es entsteht ein lebendiges Miteinander, in dem Ressourcen frei fließen können – getragen von Vertrauen, Offenheit und dem Gefühl: Hier ist Platz für Fülle, und jede:r gehört dazu.

Lebendiger Naturkontakt

7. Verbundenheit mit der Mitwelt und Natur

Eine lebendige Gesellschaft ist tief verbunden mit der Mitwelt, fühlt sich als Teil der Natur. Um diese Verbindung zu stärken, lohnt es sich, dafür bewusst Räume und Zeiten zu schaffen: Treffen und Workshops im Freien, Methoden, die Naturerfahrungen einbinden, barfuß laufen, den Wind auf der Haut spüren, mit Pflanzen und Tieren in Kontakt kommen – all das nährt unsere Lebendigkeit und verbindet uns mit dem größeren Ganzen. Naturnahe Orte, kleine Rituale im Grünen oder Achtsamkeitsübungen unterstützen uns dabei, diese Verbindung zu pflegen und lebendig zu halten.

8. Lebendige Umgebungen

Nicht nur Beziehungen, auch die Umgebung wirkt auf unser Wohlbefinden. Natürliche, ästhetische Umgebungen, gutes Essen, ökologisch gebaute Räume, frische Luft, Naturgeräusche und Ruhe stärken unser Wohlbefinden. Lebendigkeit entfaltet sich leichter, wenn Farben, Formen, Materialien, Düfte, Licht und Klänge unsere Biologie und Sinnlichkeit ansprechen. Deshalb lohnt es sich, die Rahmenbedingungen bewusst zu gestalten: Pflanzen, Tageslicht, natürliche Materialien, angenehme Akustik. All das fördert Entspannung und Lebendigkeit – und ist kein Beiwerk, sondern ein wesentlicher Teil lebendiger Kultur.

9. Würdigung der natürlichen Zyklen

Unsere Gesellschaft orientiert sich oft an starren, künstlichen Takten – Arbeitszeiten, Termine, ständige Verfügbarkeit. Doch das Leben folgt natürlichen Rhythmen: Tageszeiten, Jahreszeiten, dem Wechsel von Aktivität und Ruhe, dem weiblichen Zyklus, Ein- und Ausatmen. Eine lebendige Kultur achtet und würdigt diese Zyklen, indem sie Raum für Rückzug, Erholung, Integration und Neubeginn schafft. Das bedeutet zum Beispiel, sich in der dunklen Jahreszeit Rückzug zu erlauben, im Frühling Neues zu wagen oder im Sommer Fülle zu feiern. Je mehr wir diesen natürlichen Zyklen lauschen und mit ihnen fließen, desto mehr Balance, Kraft und Lebendigkeit können wir daraus schöpfen.

Die Schwelle ins Lebendige

10. Übergangsrituale für eine neue Kultur

Gerade weil wir im Alltag so sehr an die gewohnten Muster und Automatismen der „alten“ Kultur gewöhnt sind, braucht es bewusste und sichtbare Schwellen, um wirklich in eine lebendige, neue Kultur einzutreten. Ohne einen klar gesetzten Rahmen bleibt das Neue oft bloß eine schöne Idee, während die gewohnten Muster weiterlaufen. Daher braucht es einen deutlich gesetzten Rahmen mit einem bewusst gestalteten Übergang hinein, etwa durch ein Begrüßungsritual, das Überschreiten einer physischen Schwelle, einen Willkommenskreis, ein symbolischer Akt wie das Entzünden einer Kerze oder einen Moment der Stille. Je bewusster und sichtbarer dieser Übergang gestaltet wird, desto leichter fällt es, die alten Muster draußen zu lassen und sich auf das Neue einzulassen. So wird spürbar: Jetzt beginnt etwas anderes, jetzt gilt eine neue Kultur.

Fazit

Eine lebendige Kultur beginnt im Kleinen: in einem ehrlichen Mitteilen, einer respektvoll gesetzten Grenze, einem Moment der Stille. Sie entsteht dort, wo Menschen gemeinsam den Mut finden, aus gewohnten Mustern auszusteigen – und neue Wege zu erkunden.

Die hier beschriebenen Bausteine laden dazu ein, Räume zu schaffen, in denen Menschen sich mit all ihren Facetten zeigen dürfen – und in denen echte Begegnung, Vertrauen und kreative Energie möglich werden.

Wer sie anwendet, spürt den Unterschied: Begegnungen werden tiefer, der Austausch wird lebendiger, und das gemeinsame Miteinander wird von einer besonderen Qualität getragen – eine Lebendigkeit und Tiefe, die viele von uns oft vermissen.

So können Teams, Gemeinschaften, Netzwerke und Veranstaltungen zu Keimzellen einer neuen Kultur werden – einer Kultur, in der Lebendigkeit, Verbundenheit und Freiheit ganz natürlich dazugehören.

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Wie kommt die Transformationsbewegung in Kraft und Sichtbarkeit?

Vier Tage, 45 Pionier:innen, ein visionäres Anliegen: Anfang Mai trafen wir uns auf dem Gelände von „Wir Bauen Zukunft“ um gemeinsam zu erforschen, wie das Feld der sozial-ökologischen Transformation – mit all seinen Lösungen, Projekten und Ideen – mehr Strahlkraft und Wirksamkeit entfalten kann.

Denn bislang bringt die Bewegung all der Change Maker und Wandel-Pionierinnen zwar zahlreiche innovative Projekte, Ideen und Antworten hervor – diese bleiben aber oft unbekannt, unterfinanziert, treten unsicher auf oder ringen vergeblich um Aufmerksamkeit im Mainstream. Zudem ist die Bewegung zersplittert und viele Akteure sind überfordert oder ausgebrannt. Im gemeinsamen Forschungsraum entstanden fünf Erkenntnisse, mehr Kraft und Sichtbarkeit zu erschließen.

Fünf Erkenntnisse vom „Summit der lebendigen Gesellschaft", ausgerichtet von Reinventing Society.

Vier Tage, 45 Pionier:innen, ein visionäres Anliegen: Anfang Mai trafen wir uns auf dem Gelände von „Wir Bauen Zukunft“ um gemeinsam zu erforschen, wie das Feld der sozial-ökologischen Transformation – mit all seinen Lösungen, Projekten und Ideen – mehr Strahlkraft und Wirksamkeit entfalten kann.

Denn bislang bringt die Bewegung all der Change Maker und Wandel-Pionierinnen zwar zahlreiche innovative Projekte, Ideen und Antworten hervor – diese bleiben aber oft unbekannt, unterfinanziert, treten unsicher auf oder ringen vergeblich um Aufmerksamkeit im Mainstream. Zudem ist die Bewegung zersplittert und viele Akteure sind überfordert oder ausgebrannt. Im gemeinsamen Forschungsraum entstanden fünf Erkenntnisse, mehr Kraft und Sichtbarkeit zu erschließen:

1 | Der re:nature-Kompass schenkt Orientierung und verbindet

Ein zentrales Element beim Summit war der Re:nature Kompass nach David und Ursula Seghezzi vom uma Institut. Das Modell basiert auf dem natürlichen Zyklus der Jahreszeiten und hilft, natürliche Rhythmen und zyklische Muster zu erkennen und sich darin zu verorten. Es ermöglicht damit Orientierung – im eigenen Leben, in Projekten, und auf gesellschaftlicher Ebene.

Jede Jahreszeit beschreibt dabei sowohl eine zyklische Phase, als auch Grundqualitäten:

Frühling Zyklische Phase: Neubeginn, Keimung, erste Impulse, Visionen Grundenergie: Inspiration, Experimente, Neugier, Aufbruch, spielerische Pionierkraft

Sommer Zyklische Phase: Entfaltung, Reifung, Blühen, Verantwortung übernehmen Grundenergie: Umsetzungskraft, Gemeinschaftsbildung, Klarheit, Wirksamkeit, Fülle

Herbst Zyklische Phase: Ernte, Rückblick, Integration, Dankbarkeit, Abschluss Grundenergie: Sortierung, Ordnung, Reflexion, Heilung, Wertschätzung, Loslassen

Winter Zyklische Phase: Rückzug, Stille, Leere, Regeneration, Sterben und Neuorientierung Grundenergie: Tiefe, Erdung, Intuition, Nichtwissen, Spiritualität, Verbindung zur Quelle

Die Bewegung für gesellschaftlichen Wandel steht derzeit kollektiv an der Schwelle von der Jugend des Frühlings ins Erwachsenwerden des Sommers. Viele haben ausprobiert, initiiert, geforscht. Nun geht es darum, in Kraft zu kommen, Projekte zu verankern und Wirkung zu zeigen. Für gelingende Übergänge braucht es Initiationen und der Summit fühlte sich für einige von uns wie eine solche an. Passenderweise ist der 1. Mai, der Mittelpunkt unseres Summits, nach dem alten Kalender der Übergang vom Frühling in den Sommer – eine stimmige Fügung, die uns im Nachhinein bewusst wurde.

Gleichzeitig steht die dominierende westliche Gesellschaft an der Schwelle vom Herbst in den Winter: Ihr Höhepunkt liegt hinter ihr, alte Strukturen müssen gewürdigt und losgelassen werden. Aus dieser Perspektive braucht es für manche Konzerne und Bürokratien vielleicht weniger frische Ideen und Innovationen, sondern stattdessen Angebote zum Runterfahren und zur Ruhe kommen.

Der re:nature-Kompass hilft nicht nur, zyklische Entwicklungen zu verstehen, sondern auch die Balance der unterschiedlichen Qualitäten zu untersuchen und einzuordnen. Auch für die Wandelbewegung braucht es alle Qualitäten gleichzeitig in guter Balance – Verwurzelung, Inspiration, Umsetzungskraft und Ordnung. Unsere jeweiligen Wirkungsfelder auf dem Kompass einzuordnen, half uns, die Vielfalt unserer Rollen zu würdigen und uns individuell zu verorten. Wir ergänzen uns, brauchen einander, und halten uns gegenseitig den Rücken frei. Niemand muss (und kann) allein die Welt retten – jede Qualität wird gebraucht, in ihren jeweiligen Phasen und Kontexten. Dieses Erkennen des eigenen Platzes im größeren Gefüge schuf ein starkes Gefühl von Eingebundenheit und Orientierung. Wir stellten auch fest, dass in der Mitte unseres Rades ein Raum offen steht, um die gemeinsame Vision zu definieren und eine „Story of us“ zu finden. Hier deutet sich das Potenzial an, von einer zersplitterten zu einer geeinten Bewegung zu kommen.

Reflexions-Impuls: Wie verbunden bist du mit natürlichen Zyklen? Welche Qualitäten des Kompass sind bei dir lebendig – und welche rufen nach mehr Raum?

2 | Eine lebendige Kultur synchronisiert und bestärkt

In unserer westlichen Kultur ist zwischenmenschlicher Kontakt oft geprägt von Schnelllebigkeit, Fragmentierung und mentaler Überfrachtung. Oberflächlicher Smalltalk, rein kopflastige Gespräche und stressige Umgebungen erschweren tiefere Begegnung und hindern echten Austausch. Viele von uns haben daher gelernt, ihre Bedürfnisse und Visionen herunterzuschlucken, um in einem Umfeld akzeptiert zu werden, das nicht ihrer inneren Wahrheit entspricht. Diese ständige Anpassung kostet Kraft und führt zu Resignation und Erschöpfung.

Beim Summit schufen wir im Gegensatz dazu bewusst eine „lebendige Kultur“ des Miteinanders, die tiefe Begegnungen und authentischen Ausdruck ermöglichen sollte. Dies bedeutete unter Anderem:

  • Als ganzer Mensch willkommen sein: Körper, Gefühle, Herz und Verstand sind gleichermaßen eingeladen.

  • Beziehung zuerst: tägliche Check-ins, Austausch-Kleingruppen, gemeinsame Rituale und Musik schufen Verbindungen und ein gemeinsames Wir-Gefühl.

  • Der Energie folgen: Unsere Agenda entstand spontan und emergent aus den Impulsen des Feldes und der Frage: „Was macht uns lebendig?“.

  • Spannungen willkommen heißen: Konflikte wurden bewusst als Impulsgeber und Wachstumschance gesehen und nicht unter den Teppich gekehrt.

  • Lebendige Umgebungen: Gesundes Essen, vielfältige Natur, ästhetische Bauweisen, Ruhe und Schönheit ermöglichten ein entspanntes Nervensystem, Offenheit und Inspiration.

Im diesem Rahmen erlebten viele Teilnehmende ein persönliches Aufblühen und tiefe Verbundenheit mit anderen. Ein Heimat-Gefühl entstand, das Leichtigkeit, Kraft und Inspiration freisetzte. Die meisten reisten deutlich erholter, zentrierter und energievoller ab, als sie ankamen – „trotz“ 4 Tagen intensivem Summit-Programm.

„Wir haben die bewusste und lebendige Gesellschaft im konkreten Rahmen vor Ort für uns erlebt und manifestiert. Wir haben unsere erträumte Zukunft gemeinsam erschaffen.“ Thomas Zimmermann

Das war nicht nur angenehm. Es kam auch zu der Frage, warum wir uns als selbsternannte Wandelbewegung das Privileg herausnehmen uns in einen geschützten Raum zurückzuziehen und gemeinsam eine „gute Zeit“ zu haben, in Anbetracht der multiplen Krisen, die es zu überwinden gilt. Haben wir ein All-Inclusive-Ressort für Systemaussteiger:innen kreiert? – Ganz und gar nicht. Wir haben realisiert, dass ein Kernproblem und Misserfolg der Wandelbewegung in ihrem häufig selbstausbeuterischen Aktivismus bzw. dem erhobenen moralischen Zeigefinger der selbstlosen Weltverbesserung liegt. Doch nur wenn wir gut zu uns selbst sind, im Kontakt mit unseren Gefühlen und Bedürfnissen, können wir auch Gutes in der Welt bewirken. Das, was uns erfreut und verwöhnt, ist nicht Konsum, Luxus oder Rausch, sondern Gemeinschaft, Liebe und tiefer Austausch. Vielleicht leben und erleben wir damit bereits „die Lösung“.

Diese Erfahrung verdeutlichte, dass wir uns als Transformationsbewegung im falschen Kulturrahmen nur schwer erkennen, entfalten und verbinden können. Es braucht daher viel mehr Orte und Formate einer lebendigen Kultur, in der wir gemeinsam aufblühen und Kraft schöpfen können.

Reflexions-Impuls: In welchem kulturellen Rahmen hältst du dich überwiegend in Beruf und Alltag auf? Inwieweit kannst du dich darin entfalten? Wie und wo kannst du dir einen noch dienlicheren Rahmen für dich schaffen?

3 | Unsichtbares sichtbar machen setzt Energie frei

Auf dem Summit schufen wir einen Raum, in dem Unsichtbares eingeladen wurde, sich zu zeigen: Scham über Geld, Wut auf die Kraftlosigkeit der Bewegung, Ängste vor gesellschaftlichem Kollaps, Freude, Liebe und Hoffnung. Deutlich wurde, dass viele Teilnehmende geteilte Verletzungserfahrungen tragen: Das Gefühl, mit ihren Bedürfnissen und Anliegen nicht gehört oder gesehen zu werden, nicht in diese Welt hineinzupassen oder Orientierungslosigkeit zu erleben. Als diese Gefühle Raum bekamen, geschah Transformation. Blockierte Energie kam in Fluss, neue Perspektiven entstanden und Zuversicht wuchs.

Das Thema Sichtbarkeit hat viele Dimensionen: Stimme, Körper, Ausdruck aber auch die eigene Onlinepräsenz oder das Marketing für die eigenen Angebote. Um hier in Kraft und Sichtbarkeit zu kommen, braucht es sichere Räume und Formate, in denen Gefühle, innere Anteile und Fähigkeiten, die üblicherweise zurückgehalten werden, ausgedrückt, sichtbar gemacht und gezielt entwickelt werden können. Durch lebendigen Austausch können wir somit voneinander lernen und miteinander wachsen, sodass sich Ängste und Unsicherheiten in Klarheit und Umsetzungskraft verwandeln.

Reflexions-Impuls: Wo hältst du dich zurück und zeigst dich nicht – aus Angst, Gewohnheit oder alten Mustern? Was in dir möchte mehr gesehen werden? Wo könntest du dafür Raum finden oder schaffen?

4 | Das Potenzial gemeinsamer spiritueller Verwurzelung mit der Erde

Das materialistische Weltbild der Moderne betrachtet die Erde als toten Materieball – Natur als Ressource, nicht als Gegenüber. Viele Menschen in der Transformationsszene hingegen erleben intuitiv oder durch eigene Praxis die Erde als lebendig, intelligent und zutiefst verbunden mit allem Leben. Doch diese Weltsicht bleibt häufig unsichtbar – aus Angst, als irrational, naiv oder unwissenschaftlich abgestempelt zu werden.

Was wäre, wenn genau hier ein bislang ungenutztes Potenzial liegt? Wenn wir nicht nur aus Problembewusstsein handeln, sondern aus Liebe zur Erde, aus echter Verbindung mit der lebendigen Welt, dann verändert sich nicht nur unser Handeln, sondern auch unsere Strahlkraft. Eine Bewegung, die offen zu ihrer Erdverbundenheit steht, kann tiefer wurzeln, stärker wirken und neue Menschen berühren, die sich bislang nicht angesprochen fühlten.

Praktiken wie Naturkontakt, Stille, Dankbarkeit, bewusste Übergangsrituale oder Jahreskreisfeste können diese Verbindung erfahrbar machen und uns im Alltag unserer Wurzeln und Ursprünge besinnen. Solche einfachen Formen erfordern keine einheitliche Spiritualität, sondern schaffen spirituelle Tiefe ohne Dogma – sie stärken unser Gefühl von Zugehörigkeit und unsere Fähigkeit, mit der Erde in Beziehung zu sein.

Wie sich eine gemeinsame spirituell-weltanschauliche Verwurzelung weiter entfalten kann – ohne ins Esoterische oder Exklusive zu kippen – bedarf weiterer Erkundungen und Schärfungen. Doch der Wunsch nach einem gemeinsamen inneren Fundament, das über rationale Argumente hinausweist, ist spürbar. Und vielleicht ist genau das die Grundlage, auf der eine neue Kultur des Wandels wachsen kann.

Reflexions-Impuls: Wie ist deine Verwurzelung mit der Erde? Inwieweit zeigst du anderen deine Weltanschauung oder spirituelle Praxis? Wie wäre es für dich, hierbei Gemeinschaft und Eingebundenheit zu finden?

5 | Von der Szene zur Bewegung – mit gemeinsamer Ausrichtung und neuer Führung

In den letzten Jahrzehnten sind zahlreiche Initiativen für gesellschaftlichen Wandel entstanden: für ökologische Nachhaltigkeit, ein gerechteres Wirtschaftssystem, neue Formen des Lernens, für Menschenrechte, Frieden und Verbundenheit. Doch diese vielfältigen Ansätze wirken bislang oft nebeneinander und ohne gemeinsame Ausrichtung. Es fehlt eine gemeinsame Erzählung, ein verbindender Purpose, der die Einzelimpulse in eine größere Bewegung integriert. Was meinen wir, wenn wir von gesellschaftlicher Transformation sprechen? Woran erkennen wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind? Welche gemeinsamen Visionen tragen uns?

Ein solcher Purpose verlangt auch nach Akteur:innen, die in Führung gehen – nicht dominant, sondern dienend. Führung, die sich ihren blinden Flecken stellt, die Orientierung gibt, Räume hält und das Ganze im Blick behält. Gerade in stürmischen Zeiten braucht es Menschen, die aus Verbundenheit heraus Verantwortung übernehmen und Bestärkung und Zuversicht schenken.

Gleichzeitig ist Führung in Deutschland mit Misstrauen und kollektiver Vorsicht belegt. Verständlich angesichts unserer Geschichte. Gerade in der Transformationsszene scheuen sich daher viele, Führung zu übernehmen, sich einer Führung anzuschließen oder fürchten Machtmissbrauch anderer. Es braucht daher eine bewusste Auseinandersetzung der Transformationsbewegung mit Führung und Macht. Nicht als Reinszenierung alter Muster – sondern als bewusste Kulturpraxis einer Bewegung, die Führung neu denkt und verkörpert.

Gleichzeitig ist Führung in Deutschland mit Misstrauen und kollektiver Vorsicht belegt – verständlich angesichts unserer Geschichte. Besonders in der Transformationsszene herrscht eine tiefe Skepsis gegenüber Macht: Viele fürchten, durch das Ausüben von Führung ungewollt in autoritäre oder manipulative Muster zu rutschen – und halten sich deshalb lieber zurück. Aus Angst, Teil des Problems zu sein, überlassen sie damit tragischerweise Führung und Macht oft „dem System“.

Es braucht daher eine bewusste Auseinandersetzung der Bewegung mit Macht und Führung – nicht als Reinszenierung alter Muster, sondern als kulturelle Reifung. Als Einladung, Verantwortung zu übernehmen und neue Formen von Führung zu verkörpern: transparent, dienend, verbindend.

➡️ Reflexionsimpuls: Was ist dein innerer Purpose – und wie ist er mit dem größeren Feld verbunden? Wem überlässt du Führung und wo übernimmst du Führung?

Wie weiter?

Nach dem Summit ist vor dem Summit: Die kraftvolle Resonanz auf unser erstes Zusammenkommen hat uns ermutigt, weitere Räume für Verbundenheit, Bestärkung und gemeinsame Ausrichtung zu öffnen. Klar wurde dabei auch: Wenn die Transformationsszene wirksam werden will, muss sie sich den Themen Macht und Führung neu zuwenden und dafür braucht es sichere Räume, in denen wir einen heilsamen Zugang dazu entwickeln können.

Der nächste Summit findet daher zum Thema „Führung. Macht. Wandel.“ vom 17.–21. September 2025, erneut bei „Wir Bauen Zukunft“ statt. Viele der hier beschriebenen Erkenntnisse werden darin weiter vertieft, erprobt und verkörpert. Mehr Infos hier.

Ein Dokumentationsfilm zum Summit und den Prinzipien einer lebendigen Kultur ist ebenfalls in Arbeit.

Bis dahin – lasst uns das Feld nähren, verbinden und gemeinsam sichtbar werden!

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Segeln im Sturm: Vom Ende der Moderne und Mut zum Kontrollverlust

Wer wach und mit offenen Sinnen in unsere Zukunft schaut, erkennt am Horizont einen gewaltigen Sturm aufziehen – einen Sturm, der vermeintliche Gewissheiten hinwegfegen und die Fundamente unserer Gesellschaft erschüttern wird. Er kündigt das Ende der Moderne an, wie wir sie bisher kannten. Diese Moderne war geprägt von einem unerschütterlichen Glauben an Wachstum, den Siegeszug parlamentarischer Demokratien und die Macht des technologischen Fortschritts.

Wer wach und mit offenen Sinnen in unsere Zukunft schaut, erkennt am Horizont einen gewaltigen Sturm aufziehen – einen Sturm, der vermeintliche Gewissheiten hinwegfegen und die Fundamente unserer Gesellschaft erschüttern wird. Er kündigt das Ende der Moderne an, wie wir sie bisher kannten. Diese Moderne war geprägt von einem unerschütterlichen Glauben an Wachstum, den Siegeszug parlamentarischer Demokratien und die Macht des technologischen Fortschritts. Sie versprach Wohlstand, Frieden und individuelle Entfaltung für alle. Doch in den letzten Jahren offenbaren sich ihre Schwachstellen und Widersprüche immer deutlicher:

  • Wachstum und Wohlstandsversprechen als zweischneidiges Schwert
    Jahrzehntelang galt es als selbstverständlich, dass Wirtschaftswachstum immer neue Arbeitsplätze und Konsummöglichkeiten schafft – und damit allmählich den Wohlstand für alle erhöht. Tatsächlich jedoch profitieren vor allem privilegierte Gruppen von diesem Modell, während ökologische Grenzen überschritten und soziale Ungleichheiten verstärkt werden. Das Resultat sind eine wachsende Kluft zwischen Arm und Reich sowie eine dramatische Ausbeutung des Planeten.

  • Demokratie mit blinden Flecken
    Theoretisch stehen politische Teilhabe und Freiheit im Zentrum der Moderne. Praktisch jedoch wirken Lobbystrukturen, Korruption und fehlende Bürgernähe dem entgegen. Hinzu kommt, dass westliche Demokratien „ihren“ Systemansatz gerne global exportieren, dabei aber oft eigene neokoloniale Interessen fortsetzen und lokale Kulturen sowie soziale Realitäten übergehen.

  • Technikgläubigkeit und Entfremdung
    Es werden große Hoffnungen auf Fortschritt und Digitalisierung gesetzt, um Herausforderungen wie Klimawandel oder Krankheiten zu lösen. Doch die Abhängigkeit von Technik und Algorithmen führt zunehmend zu Entfremdung und Vereinsamung, während Menschlichkeit, Sinn und emotionale Verbundenheit zu kurz kommen. Nicht selten fühlen sich Menschen in diesem technologisch geprägten Alltag innerlich ausgebrannt und orientierungslos.

Diese innere Widersprüchlichkeit bringt das System an seine Grenzen und der „Sturm“ der Krisen und Komplexitäten rüttelt uns wach. Selbst bei uns in Deutschland, wo die Krisen noch verhältnismäßig milde ausfallen, spüren wir bereits Erschöpfungszustände unserer Institutionen: Schulen kämpfen mit Personalmangel und Überforderung, Krankenhäuser stehen am Rande ihrer Belastbarkeit, und Behörden kommen mit der wachsenden Komplexität kaum hinterher. Auch die Demokratie, so lange ein stabiler Anker unserer Gesellschaft, steht unter Beschuss, während Polarisierung und populistische Strömungen zunehmen.

Kontrollwahn als reflexhafte Antwort

Es ist zu befürchten, dass aus all den Krisen ein noch größerer Drang nach Kontrolle entsteht. Tatsächlich neigen wir in unsicheren Situationen oft dazu, die Zügel enger zu ziehen: Hier ein neues Gesetz, dort eine verschärfte Aufsicht, da ein technisches „Wundermittel“. Doch die Klimakrise, die wachsende Komplexität der Welt und die Krise westlicher Demokratien zeigen deutlich, dass das Kontrollstreben und lineares Denken an ihre Grenzen stoßen. Dysfunktionalitäten und inneren Widersprüche nehmen daher immer weiter zu. Das Ende der Moderne und ihrer gegenwärtigen Institutionen rückt näher und wir erleben ein System im Niedergang.

Der Blick in die Zukunft und auf das, was vor uns liegt, kann daher Angst machen. Was wird der Sturm mit sich bringen? Viele von uns in Deutschland profitieren bisher von den Sicherheiten und der Stabilität des aktuellen Systems. Was, wenn genau diese Sicherheiten ins Wanken geraten?

Loslassen, um lebendiger zu werden

Doch ebenso entsteht Raum für neue Ideen. In jedem Ende liegt der Keim eines Neubeginns. Die Erde ächzt unter den Ketten von Ausbeutung und Kontrolle, und das Zerfallen des Alten kann auch eine Befreiung sein. Monokulturen, Massentierhaltung, Pestizide, Überfischung und Versiegelung sind die „normalen“ Ergebnisse unserer Gesellschaft und unterdrücken das Leben. Weniger von dieser Beherrschung und Kontrolle ermöglichten ein Aufatmen für die Natur und alle Lebewesen, die wir Menschen an den Rand des Überlebens gedrängt haben.

Auch in unserem persönlichen Alltag spüren wir, dass starre Kontrolle nicht immer die erhoffte Sicherheit bringt, sondern oft zu Stress, Überforderung und einer Einengung unseres Denkens und Fühlens führt. Auch unser persönliches Leben wird daher lebendiger, wenn wir nicht jede Eventualität absichern oder jede Abweichung vom Plan bekämpfen. Oft erleben wir, dass gerade dort Überraschungen und Freude entstehen, wo wir mutig improvisieren oder uns von einem Flow tragen lassen. Loslassen kann heißen, immer wieder neu zu spüren, was gerade wirklich wichtig ist – anstatt uns an starre Konzepte und Perfektionsansprüche zu klammern.

Wie können wir den Sturm navigieren?

Der aufziehende Sturm mit all seinen Krisen ist beängstigend. Er bringt Verunsicherung, Veränderungen und schmerzhafte Verluste von Gewohnheiten und Sicherheiten. Doch wer früh lernt, sich auf das Unbekannte einzulassen, wird widerstandsfähiger. Statt am Alten festzuhalten, können wir die Segel setzen und den Sturm als Antrieb für einen Neuanfang nutzen. Ein Boot, das in stürmischem Wasser am Anker treibt, kann schneller kentern, als eines, das die Segel setzt und sich dem Wind anpasst.

Gleichzeitig bedeutet „Kontrolle loslassen“ nicht, alle Steuerinstrumente über Bord zu werfen. Die Kunst besteht darin, sorgfältig abzuwägen, wo Struktur und Planung nützlich sind und wo sie uns oder andere Lebewesen einengen. Die Bereitschaft, Kontrolle bewusst loszulassen, geht mit einem Vertrauensvorschuss an das Leben einher – mit Intuition, Präsenz und dem Mut, sich einzulassen.

Um diese Haltung zu stärken, gibt es verschiedene Ansatzpunkte:

  • Entschleunigung: Zeiten der Stille und des Rückzugs ermöglichen, sich selbst und eigene Bedürfnisse klarer wahrzunehmen.

  • Körper- und Traumaarbeit: Unser Körper speichert Stress und alte Verletzungen. Innere Blockaden zu lösen und die Körperverbindung zu stärken, kann viel Klarheit und Stabilität schenken.

  • Naturverbundenheit: Ein Waldspaziergang, frischer Wind auf der Haut oder ein Blick auf die Weite des Meeres lässt Spannung abfallen, eröffnet neue Perspektiven und kann uns mit der Schönheit und Fülle des Lebens verbinden.

  • Abenteuerlust: Wenn wir uns trauen, die Komfortzone zu verlassen, entsteht Raum für Neues – dabei müssen wir nicht alles planen, sondern dürfen spontan auf Überraschungen reagieren.

  • Flexibilität: Selbst gründlich vorbereitete Pläne können scheitern. Eine flexible Haltung erlaubt es, sich schnell auf veränderte Bedingungen einzustellen und kreative Lösungen zu finden.

Die Kraft der Gemeinschaft

Gerade in Zeiten, in denen alte Sicherheiten zerbrechen, ist Gemeinschaft ein wertvoller Anker. In einem unterstützenden Umfeld können wir uns gegenseitig ermutigen, neue Wege zu beschreiten, statt in einen Kontrollmodus zu verfallen. So entsteht ein sicherer Raum, in dem wir uns ausprobieren und voneinander lernen können. Gemeinschaften, die auf Vertrauen und Offenheit basieren, stärken das Bewusstsein für die eigenen Grenzen und Fähigkeiten. So wird Zusammenhalt zum Katalysator für Wandel und Innovation.

Eine Vision für die Zukunft

Was wäre, wenn der Sturm nicht nur eine Bedrohung, sondern eine Chance für etwas Neues wäre?

Ja, die kommenden Jahrzehnte könnten sehr herausfordernd und unangenehm werden. Aber sie bieten auch die Chance, uns von überholten Strukturen zu lösen. Vielleicht ist genau dieser Sturm der Anstoß, den viele von uns brauchen, um neue Wege zu wagen und eine zukunftsfähige Lebensweise zu entwickeln. Wir Menschen haben das Potenzial, Hüter der Ökosysteme zu sein und eine regenerative Kultur zu erschaffen – geprägt von Gemeinschaft, Kreativität und einer tiefen Verbundenheit mit der Natur. Kooperation, Mitgefühl und Vielfalt könnten den Kern einer Gesellschaft bilden, die im Einklang mit der Erde lebt.

Der Schlüssel zu dieser Vision liegt darin, Kontrolle bewusst loszulassen – nicht aus Resignation, sondern als Akt des Vertrauens in das Leben. Es bedeutet, mutig neue Wege zu gehen und mit verschiedenen Formen des Wirtschaftens, Zusammenlebens und Lernens zu experimentieren.

Letztlich haben wir die Wahl, ob der Sturm nur unsere Dächer davonfegt oder ob wir lernen, mit ihm in eine neue Welt zu segeln, hin zu einer Kultur, in der wir alle unseren Platz finden – frei, lebendig und verbunden.

Fragen zur Reflexion

  • Wo neigst du dazu, Kontrolle zu behalten, auch wenn sie möglicherweise mehr blockiert als schützt?

  • Wie lässt sich ein gesundes Gleichgewicht finden, bei dem du dich weder von Ängsten bestimmen lässt noch dich vollkommen fallen lässt?

  • Welche Menschen, Netzwerke oder Orte könnten mich ermutigen, neue Wege zu erproben und zu gestalten?

  • Wie könnte ich aktiv dazu beitragen, dass aus der Krise der Moderne eine Chance für eine solidarische, naturverbundene Zukunft wird?

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Lino Zeddies Lino Zeddies

Expeditionsbericht: „Reise in die lebendige Gesellschaft"

14 Pionier:innen, ein Zukunftsort und der Schritt über eine Schwelle in die lebendige Gesellschaft. So begann die Reise in eine intensive und transformierende Woche voller Ko-Kreation, tiefer Verbindungen, Inspiration, Bewegung, Musik und Natur. In dieser „Mikro-Gesellschaft“ erlebten wir die Kraft des Schenkens, Momente der Heilung und des Berührtseins, Herausforderungen und Erkenntnisse für regenerative Führung und gemeinsame Entscheidungsprozesse und sogar eine kleine „Revolution“.

Mit 14 Pionier:innen begaben wir uns an einem außergewöhnlichen Zukunftsort auf eine experimentelle Forschungsreise in die lebendige Gesellschaft. So startete eine Woche voller Zusammenarbeit, ehrlicher Begegnungen und kreativer Impulse, begleitet von Natur, Bewegung und Musik. In dieser kleinen Gemeinschaft erfuhren wir die Kraft des Schenkens, Heilungsmomente und Herausforderungen, die uns halfen, neue Formen von Führung und Zusammenarbeit zu erkunden – inklusive einer spontanen „Revolution“

Die Reisegruppe

Ein vielfältiges Programm voller Tiefe und Vielfalt

Am Rand eines Waldes wartete die symbolische Schwelle. Mit einer Mischung aus Vorfreude und Nachdenklichkeit wagten alle den Schritt in die lebendige Gesellschaft: die Reisegruppe war aufgebrochen. Geplant waren lediglich grobe Tagesstrukturen wie morgendliche Runden und übergeordnete Themen (1. Individuum, 2. Gesellschaft, 3. Natur). Der Rest des Programms formte sich spontan, geleitet von den Bedürfnissen und Impulsen der Gruppe. Auf diese Weise gestaltete sich die Woche durch die Teilnehmenden selbst und brachte viele ungewöhnliche Erlebnisse und unterschiedliche Aspekte von Lebendigkeit hervor.

Ein Geschenkkreis machte deutlich, wie viel jede Person auf ihre ganz eigene Weise zu geben hat und wie wichtig es ist, diese Fülle zu teilen. Eine Kakaozeremonie, inspiriert von alten Ritualen aus Südamerika, öffnete den Raum für emotionale Prozesse. Beim „Biokratie-Parlament“ bekamen auch Bäume, Moos und Tiere eine Stimme, um die Perspektive auf das Leben zu erweitern. Reflexionsrunden halfen, das Erlebte zu integrieren. Abends saßen wir gemeinsam am Lagerfeuer, in der Sauna oder schwitzten in einer zeremoniellen Schwitzhütte. Musik, Klang und Gesang begleiteten uns die ganze Woche.

Eine abendliche Jam-Session

Die Kunst der Ko-Kreation
„Ich habe noch nie eine so liebevolle, zugewandte Prozessarbeit in einer Gruppe erlebt wie bei dieser Reise.“

Wo Menschen zusammenkommen, gibt es auch Spannungen. Wie wollen wir als Gruppe gemeinsame Entscheidungen treffen? Was passiert, wenn unterschiedliche Erwartungen und Wünsche aufeinandertreffen? Unterschiedliche Bedürfnisse führten zu Diskussionen, zum Beispiel über den Zeitpunkt und die Dauer einer zeremoniellen „Schwitzhütte“, die ein engagierter Teilnehmer angeboten hatte. Diese einfache Entscheidung zeigte uns, wie schwer es manchmal ist, Struktur, Führung und Gemeinschaft in Einklang zu bringen. Eine kleine „Revolution“ gegenüber der Moderation mündete in einem Fest der Selbstermächtigung mit Musik, Tanz und Trommeln.

In diesen Spannungen lagen wichtige Lernfelder. Statt sie als Hindernisse zu sehen, erlaubten wir den Konflikten, Tiefe und Wachstum zu schaffen. Lebendigkeit bedeutet, nicht nur die freudigen und leichten Momente zu erleben, sondern auch die schwierigen anzunehmen. Spannungen und Trigger gehören dazu. Das Entscheidende ist, wie wir damit umgehen: indem wir Perspektiven anhören, Bedürfnisse integrieren und manchmal alles verlangsamen, um Raum für die Vielfalt der Stimmen zu schaffen.

Raum für Heilung

„Ich nehme tiefe Heilung und Bewusstseinserweiterung auf vielen Ebenen mit, die lange nachwirken und Früchte tragen wird.“

Wir wussten: In einem sozialen Feld von Vertrauen, Verbundenheit und Authentizität treten oft Traumata und emotionale Wunden hervor, die nach Heilung suchen. Die Woche brachte daher viele bewegende Heilungsprozesse, in der Gruppe und in kleineren Begegnungen. Das Auftauchen von Triggern, heftigen Themen und Schattenseiten ist nicht notwendigerweise ein schlechtes Zeichen für eine Gruppe. Ganz im Gegenteil kann es bedeuten, dass so viel Vertrauen und Sicherheit hergestellt ist, dass sich nun auch die Schatten zeigen können um transformiert zu werden. Es geht darum, den auftretenden Themen liebevoll zu begegnen und ihre Informationen und Geschenke zu bergen.

Wichtig ist auch genug Raum für Integration und Regeneration. Die Schwitzhütte am letzten Abend war in dieser Hinsicht hilfreich, die Themen der Woche zu integrieren und zu erden. Dennoch würden wir uns in dieser Hinsicht beim nächsten Mal noch mehr Freiraum vornehmen und versuchen, die Woche noch regenerativer zu gestalten.

Ein Prozess des Gebens und Empfangens

„Ich habe mich selbst in dem gemeinsamen Feld als so "reich" empfunden. Ich hatte richtig Lust zu geben und konnte aus einer Leichtigkeit heraus ganz viel von mir einbringen.“

Der Geschenkkreis war ein Highlight der Woche. Jede Person hatte etwas mitgebracht - Materielles wie Immaterielles, z.B. Postkarten, Süßigkeiten, Bücher, Coaching-Sessions, Gedichte, Schmuck und ein Massageangebot. Dabei wurde spürbar, wie tief das Bedürfnis nach Ausdruck, Beitragen und auch Anerkennung in uns ist. Hier zeigte sich eine Wunde unserer Gesellschaft. Viele Menschen fühlen sich, als hätten sie nichts zu geben. Wir erlebten das Gegenteil: Der lebendige Fluss der vielfältigen Gaben und Fähigkeiten eine große Freude und Bereicherung.

Während der Vorbereitungen der Schwitzhütte

Natur als Spiegel und Lehrerin

“Indem wir uns von der Natur getrennt haben, haben wir wirklich ein ganzes Universum verloren. Die Biokratie fühlte sich wie ein möglicher Weg an, unseren Platz wieder zu finden.”

Das „Biokratie-Parlament“ zeigte eindrucksvoll, dass eine wirklich lebendige Gesellschaft weit über die menschliche Gemeinschaft hinausgeht. In der Regel beziehen wir uns bei dem Begriff „Gesellschaft“ nur auf Menschen. Doch eine wahrhaft lebendige Gesellschaft integriert das gesamte Netzwerk des Lebens. Sie ist eine „Biokratie“ (gr.: bios = Leben/ kratie = Herrschaft), in der alle Lebewesen eine Stimme und Rechte haben. Eine Gesellschaft der lebendigen Verbundenheit erkennt, dass wir untrennbar in den Kreislauf des Lebens eingebettet sind und nur im Miteinander mit allem Lebendigen eine nachhaltige Zukunft gestalten können. Dafür kann es eine beeindruckende und öffnende Erfahrung sein, durch Methoden der systemischen Aufstellung Natur-Entitäten einmal eine Stimme zu geben.

Lebendigsein ist das ganze Spektrum

„Alle Persönlichkeitsanteile von mir waren willkommen, was wirklich ungewöhnlich ist, da ich im normalen gesellschaftlichen Kontakt das Gefühl habe je nach Kontext immer bestimmte Anteile von mir nicht zeigen zu können bzw. regelrecht verbergen zu müssen.“

Lebendigkeit bedeutet, die Fülle des Lebens in all ihren Facetten willkommen zu heißen. Im Laufe unserer Reise wurde deutlich, wie entscheidend es ist, diese Bandbreiten anzuerkennen und als Individuen und Gruppen die volle Breite dieser Polaritäten leben zu können.

Wir erkannten, dass das Navigieren einiger zentraler Spannungspaare bzw. Gegensätze für eine lebendige Kultur besonders wichtig sind:

  • Laut und leise

  • Schnell und langsam

  • Alleine und gemeinsam

  • Verbindlichkeit und Freiheit

  • Freiraum und Struktur

  • Geben und Nehmen

  • Innen und Außen

Durch das bewusste Aushandeln dieser Spektren innerhalb der Gruppe fanden wir in ein immer produktiveres, freieres Miteinander. Indem es uns immer besser gelang, diese Gegensätze bewusst zu machen und zu integrieren, schufen wir einen Raum, in dem sich alle wohlfühlten und mehr Verständnis füreinander entstand.

Bei einer “out-of-character-Party” begegneten sich einige Teilnehmende als neue Charaktere und erforschten dabei in expressiver Verkleidung ungewohnte Eigenschaften und Umgangsweisen.

Pionier:innen der Lebendigkeit

Für uns als Reinventing Society hatte diese Woche einen besonderen Stellenwert. Zunehmend erkunden wir die Vision einer lebendigen Gesellschaft und was es bedeutet, diese zu gestalten und zu verkörpern. Sozial-ökologische Zukunftsvisionen sind ein wichtiger Teil unserer Arbeit, aber die eigentliche Herausforderung liegt darin, diese Visionen im Alltag umzusetzen. Als selbsterklärtes Reallabor erforschen wir seit unserer Gründung, wie wir unser System lebendig gestalten können und selbst „Realutopie" sein können. Auf dieser andauernden Lernreise sind uns einige Dinge klar geworden und diese Woche hat einige Erkenntnisse nochmal geschärft. Vier wollen wir hier anführen:

  • Um eine lebendige Kultur zu erschaffen, reicht es nicht, sie zu visionieren. Sie entsteht erst, wenn wir die Vision auf unsere direkten Alltagssituationen anwenden und neue Muster und Wege erkunden. Was wir mit „Pfadharmonie“ betiteln, ist für uns ein entscheidendes Kriterium unseres Wirkens geworden: Wie können wir die Logiken und Qualitäten unserer Vision auf dem Weg dahin bereits leben? Durch die pfadharmonische Verfolgung einer Vision werden die Pionier:innen selbst zur Botschaft und wirken insbesondere durch Ausstrahlung und beispielhafte Verkörperung.

  • Veränderung entsteht durch unsere Veränderungsbereitschaft. Was für viele eine Binsenweisheit sein mag, zeigt sich in der Realität oft als widerspenstige Veränderungsblockade. Wirkliche Veränderung geschieht im Außen und Innen, wobei letzteres gerne ausgespart wird. Dabei liegt hier die wahre Antriebskraft. Als Pionier:innen einer lebendigen Gesellschaft sind wir besonders gefordert, uns unseren Schattenseiten zu stellen.

  • Gleichzeitig ist es unsere Aufgabe, nicht nur neue Wege zu erkunden, sondern auch Brücken zwischen unterschiedlichen Perspektiven zu bauen. Das bedeutet, sich von Meinungen und dem Bedürfnis, recht zu haben, zu lösen und die Gräben zu überwinden, die zwischen „uns“ und „den anderen“ liegen. Eine lebendige Gesellschaft ist eine Gesellschaft für alle Wesen – und der schnellste Weg dahin ist es, trennende Denkweisen hinter uns zu lassen.

  • Unser Team war mit sechs Personen auf der Veranstaltung vertreten, wodurch wir sehr schnell und kraftvoll unsere über Jahre entwickelte Kultur von Wertschätzung, Vertrauen und Lebendigkeit etablieren konnten. Diese hohe Zahl an „Kulturträger:innen“ hat ermöglicht, ein kraftvolles soziales Feld aufzubauen und erfahrbar zu machen, was unsere beiden formellen Seminarleiter allein wahrscheinlich nicht so schnell hätten etablieren können.

Das Team von Reinventing Society

Finanzieller Schlussakkord

„Am Ende bin ich aus dem Seminar gegangen mit einem Koffer voller wunderbarer Erinnerungsmomente und vielen neuen Herzensverbindungen. Der gemeinsame Reichtum, der sich über die Woche auf den verschiedensten Ebenen gezeigt und entfaltet hat, ist schwer zu erfassen – daher finde ich es besonders schön, die finanzielle Wertschätzung auf ebenso freie und lebendige Art und Weise in einem gemeinsamen und verbundenen Prozess abzurunden.“

Am Ende stand ein Geldprozess, in dem die Teilnehmenden selbstbestimmt entscheiden konnten, wie viel sie für die Moderation und Organisation, sowie für den Ort „Wir bauen Zukunft“ beitragen wollten. Dazu teilte die Moderation unterschiedliche innere Stimmen zum Thema Geld und stimmte die Gruppe damit auf die Komplexität des Themas ein, z. B. waren da Anteile der Freude am Empfangen, die Bedarfe der Organisation, die Lust am freien Schenken und weitere. Dies zeigte den Facettenreichtum an Haltungen, die wir zum Thema Geld in uns tragen. Durch diese Demonstration und die Erlaubnis, selbst auch unangenehme Gefühle zu Geld da sein zu lassen, fanden die Teilnehmenden recht schnell für sie stimmige Beträge, die offen geteilt wurden. Daraus ergab sich eine Summe, die sich für alle passend anfühlte.

Was bleibt, was kommt?

Die Woche zeigte, dass Lebendigkeit nicht nur aus Freude besteht, sondern auch Reibung, Schmerz und Heilung umfasst. Eine lebendige Gesellschaft ist bunt und facettenreich, laut und leise, alleine und gemeinsam. Viele Teilnehmende spürten auch in den Tagen danach noch die emotionale Wirkung der Reise. Großzügigkeit und Fürsorge waren einige der schönen Erscheinungen, die aus dieser Verbundenheit entstanden.

Diese Expedition hat uns allen gezeigt, was möglich ist, wenn wir die Vision einer lebendigen Gesellschaft ernst nehmen und sie beginnen zu leben. So sehr der geschützte Rahmen eines Seminars dabei hilft, Veränderung zu durchlaufen und sich auf Neues einzulassen, bleibt er auch künstlich. Die wahre Herausforderung besteht darin, die Erfahrungen in den Alltag einfließen zu lassen und zu forschen, wie die Entwicklung einer lebendigen Gesellschaft erfolgen kann.

Die Reise ist keineswegs zu Ende – sie hat gerade erst begonnen. 14 Pionier:innen tragen das Feuer der Lebendigkeit weiter in ihre Leben, als Botschafter:innen einer lebendigen Kultur, die bereits in vielen Ecken und Randzonen unser „normalen Welt“ erkennbar ist.

Wer Lust hat, bei der nächsten Runde dabei zu sein, hat als nächstes vom 13.-19. Januar 2025 Gelegenheit dazu. Mehr Infos hier.

Ein Gedicht eines Teilnehmers zur Woche:

Lebendigkeit, wo bist du?

In stillen Stunden such' ich dich,

Zwischen Pflicht und Alltäglichkeit.

Dein Flüstern, kaum vernehmbar,

Verhallt im Lärm der Zeit.

Bist du verborgen in den Blättern,

Die der Herbstwind sanft bewegt

Oder in den Augen eines Menschens,

Der staunend seine Welt entdeckt?

Vielleicht ruhst du im Herzschlag,

Der unbemerkt das Leben trägt,

Oder im zarten Morgennass,

Dass sich auf die Wiese legt.

Lebendigkeit, ich ahne dich

In jedem Atemzug.

Doch fass' ich dich, entgleitest du -

Ein flüchtiger Besuch.

So bleib ich Suchender nach dir,

In dieser Welt voll Hast und Tun.

Und hoffe still, dass du mich findest,

Wenn ich es am wenigsten erwart'.

Mit offenen Armen tret' ich dann hervor,

Verletzlich und doch stark wie nie.

Mein Herz, ein Spiegel deiner Seele,

Reflektiert das Leben, das ich seh'.

In jedem Blick, in jeder Geste, hier und dort,

Liegt Kraft, die aus der Tiefe springt.

Ich wage mich, zu enthüllen,

Und bin doch stark, wie du es willst.

Aus neuer Ehrlichkeit verbunden:

Mit klaren Worten, reinem Sinn,

Trag' ich dich nun in die Welt hinein.

Gesellschaft neu zu formen wage ich,

Lebendigkeit soll unser Leit-Stern sein.

Gemeinsam weben wir ein Netz,

Aus Wahrheit, Mut und Zuversicht.

So gestalten wir die Zukunft neu,

Dein Feuer in uns niemals erlischt.

Lebendigkeit, du bist:

Ein Raum, der stets aufs Neu' entsteht,

Eine Haltung, die mich trägt.

In jedem Schritt, in jedem Wort,

Bist du es, die mich und uns bewegt.

Wie ich aufsteh', wie ich gehe,

Wie ich spreche, mich ergebe,

In all dem bist du gegenwärtig,

Lebendigkeit - du bist….

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Lino Zeddies Lino Zeddies

Die Kraft der Tränen: Wie Trauer unsere Welt heilen kann

Ein kleines Coming-Out: In den letzten 10 Jahren habe ich eine tiefe Beziehung zu Trauer aufgebaut. Wenn manche wüssten, wie häufig ich weine oder zu Tränen gerührt bin, würden diese womöglich denken, ich sei depressiv oder etwas laufe etwas verkehrt in meinem Leben. Das Gegenteil ist der Fall. Momente der Trauer erlebe ich als Bereicherung für mein Leben, die mein Herz für die Welt öffnen. Je mehr sich mein Herz in den letzten Jahren geöffnet hat, desto leichter lasse ich mich berühren. Und gleichzeitig gibt es verdammt viel zu betrauern in der Welt.

Doch in unserer Gesellschaft ist Trauer ein Tabuthema und häufig mit Scham und Schwere besetzt. Wer im Beisein von anderen oder in der Öffentlichkeit weint, ist für viele komisch, peinlich oder schwach. Es ist Zeit, dies zu ändern und einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit Trauer zu kultivieren. Gerade in Zeiten von Krisen, Spaltungen und dem Sterben alter Strukturen ist Trauer wichtiger denn je.

Mit diesem Artikel möchte ich daher erstens für einen offenen und lebendigen Umgang mit der eigenen Trauer einstehen und zweitens Erkenntnisse, Anregungen und Inspirationen für einen gesunden gesellschaftlichen Umgang mit Trauer teilen.

„Je tiefer der Schmerz in dein Wesen schneidet,
umso mehr Freude kannst du fassen.“
- Khalil Gibran

In den letzten 10 Jahren habe ich eine tiefe Beziehung zu Trauer aufgebaut. Viele wären erstaunt, wenn sie wüssten, wie häufig ich weine oder zu Tränen gerührt bin. Womöglich würden diese denken, ich sei depressiv oder etwas laufe verkehrt in meinem Leben. Doch das Gegenteil ist der Fall. Momente der Trauer erlebe ich als Bereicherung für mein Leben, die mein Herz für die Welt öffnen. Je mehr sich mein Herz in den letzten Jahren geöffnet hat, desto leichter lasse ich mich berühren. Und gleichzeitig gibt es verdammt viel zu betrauern in der Welt.

Doch Trauer ist in unserer Gesellschaft häufig tabuisiert und mit Scham und Schwere behaftet. Wer in der Öffentlichkeit weint, wird oft als komisch oder schwach angesehen. Es ist an der Zeit, dies zu ändern und einen neuen gesellschaftlichen Umgang mit Trauer zu etablieren. Gerade in Zeiten von Krisen und dem Wandel alter Strukturen ist Trauer wichtiger denn je.

Mit diesem Artikel möchte ich daher erstens für einen offenen und lebendigen Umgang mit der eigenen Trauer einstehen und zweitens Erkenntnisse, Anregungen und Inspirationen für einen gesunden gesellschaftlichen Umgang mit Trauer teilen.

Trauer als gesundes und wertvolles Gefühl

Trauer ist keine Schwäche, sondern ein kraftvolles, gesundes Gefühl. Wenn wir trauern, öffnen wir unser Herz und beginnen, die Dinge so anzunehmen, wie sie sind. Trauer hilft uns daher, Frieden mit Verlusten, Tod, Enttäuschungen und den tragischen Momenten des Lebens zu finden. Dieser Prozess der Annahme ermöglicht tiefe Verbundenheit mit uns selbst, mit anderen und mit dem Leben an sich.

Anstatt Trauer zu unterdrücken oder zu vermeiden, sollten wir lernen, sie als wertvollen Teil unseres emotionalen Spektrums zu akzeptieren. Manche Menschen genießen diese tiefe Verbindung beispielsweise bei tragisch-schönen Filmen, die das Herz öffnen und zu Tränen rühren.

Wege zur Heilung und Verbundenheit

Wenn Menschen von Trauer überwältigt werden und den Tränen nahe sind, versuchen viele, diese Gefühle zu verhindern – als ob etwas Schlimmes passiere, wenn jemand weint. Es wird versucht, die Fassung zu wahren und „keine Schwäche“ zu zeigen oder die Trauer schnell zu verdrängen.

Doch manchmal ist es einfach schlimm. Dann ist es sinnvoll, Trauer zu fühlen. Die Trauer verlangt nichts weiter als Raum. Sie zeigt sich aus gutem Grund und geht in der Regel von alleine, wenn sie fertig ist. Nicht die Trauer selbst ist das Problem, sondern ungefühlte Trauer. Aktuelle Traumaforschung zeigt, dass viele Depressionen durch feststeckende Emotionen, oft Trauer und Wut, verursacht werden. Wenn Gefühle frei fließen können, gibt es keine Depressionen. Dann gibt es zeitweise sicherlich mal Trauer, Wut, Verzweiflung, Angst und Schmerz, aber schnell auch wieder Freude, Lebenslust und Leichtigkeit. Wenn die Trauer fließen kann, ist auch die Freude nicht weit – diese Erfahrung mache ich immer wieder. „The deeper the sorrow, the greater the joy.“

Trauer zuzulassen kann beängstigend wirken. Manche fürchten, von den Emotionen überwältigt oder in eine Spirale von Schmerz und Hoffnungslosigkeit gezogen zu werden. „Es ist doch schon alles so schwer, muss ich da jetzt auch noch die Trauer auf mich nehmen?“ Ja, gerade dann! Trauer ist nicht der Feind, sondern eine Tür zur Heilung. Sie hilft, das emotionale System zu „resetten“ und schafft Raum für Neues. Wenn Trauer gefühlt und verarbeitet wird, ist wieder Platz für Leichtigkeit und Freude. Die Angst davor, sich zu verlieren, sitzt tief. Umso wichtiger ist es, Trauer in Gemeinschaft zu erleben und sich durch andere gehalten zu fühlen. Es ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Mut, sich auf diesen Prozess einzulassen.

"Our ability to receive love is proportional to our capacity to welcome all of who we are... The work of the mature person is to carry Grief in one hand and Gratitude in the other and be stretched large by them. How much sorrow can I hold? That's how much gratitude I can give." - Francis Weller

Trauer in Gemeinschaft: Die Kraft gemeinsamer Tränen

Wenn Menschen zusammenkommen, um ihre Trauer zu teilen, entsteht ein Raum der Verbundenheit, der uns stärkt und trägt. In einer vertrauten Gruppe mit der eigenen Trauer gesehen und gewürdigt zu werden ist unglaublich heilsam. Das habe ich selber kürzlich bei einer „grief ceremony“ in Berlin erfahren, bei der 35 Menschen zusammenkamen, um ihre Trauer zu teilen. Manche Intensitäten von Trauer können wir alleine schlichtweg nicht halten und brauchen die Unterstützung anderer, damit das Herz sich öffnen kann und die tiefsten Tränen fließen können. Viele alte und indigene Kulturen hatten daher Praktiken, Orte und Rituale, um gemeinsam zu trauern und tragische Ereignisse zu bewältigen und „durchzufühlen“.

Es ist daher heilsam, andere zu ermutigen, ihre Trauer zuzulassen und sie einfühlsam zu begleiten. Trost zu spenden und jemanden durch seine Trauer zu führen, braucht oft nicht viel – nur Präsenz und Mitgefühl. „Alles ist gut. Deine Trauer ist willkommen. Ich bin da und bleibe bei dir.“ Wer weiter gehen mag, kann sich erkundigen, ob der andere etwas braucht und anbieten, den anderen im Arm zu halten oder auch nur eine Hand auf die Schulter zu legen. Körperkontakt ist bei Trauer oft sehr wohltuend und nährend, sofern Scham dem nicht im Weg steht.

Trauer für die deutsche Geschichte

Die Traumata der Weltgeschichte, insbesondere durch die beiden Weltkriege, haben weltweit unermessliches Leid verursacht. Besonders die Opfer von Verfolgung und Gewalt, die durch das nationalsozialistische Regime verursacht wurden, verdienen unsere Anerkennung und Trauer. Ihre ungeweinten Tränen bleiben oft unbetrauert, und es ist wichtig, diesem Leid Raum zu geben.

Gleichzeitig können wir uns als Deutsche nur dann voll mit unserer Geschichte und den eigenen Verlusten auseinandersetzen, wenn wir auch die Trauer um das, was unsere Vorfahren erlebt haben, zulassen. Nach dem Krieg blieb für viele Deutsche kein Raum für Trauer – das Land musste wiederaufgebaut werden, und der Schmerz wurde oft verdrängt.

Dieser unterdrückte Schmerz wirkt bis heute, nicht nur in uns, sondern auch im kollektiven Gedächtnis. In den letzten Jahren konnte ich regelmäßig spüren, wie tief die unverarbeiteten Traumata meiner Ahnen in mein eigenes Leben einwirken. Durch mich ist viel ungefühlte Trauer meiner Großeltern geflossen. Auch wenn sie nicht mehr leben, fühle ich mich ihnen heute durch diese geteilte Erfahrung sehr verbunden.

Was wäre, wenn wir als Gesellschaft diese Trauer nachholen und dabei unser Herz nicht nur für das Leid der Opfer unserer Geschichte öffnen, sondern auch für die Verluste und Entbehrungen unserer Vorfahren? Vielleicht könnte gerade dadurch eine tiefere, ehrlichere Auseinandersetzung mit dem von uns verursachten Leid entstehen – und mit ihr die Möglichkeit, die Welt heute mit mehr Mitgefühl, Leichtigkeit und Herzlichkeit zu gestalten.

Climate Grief – Trauer als Motor für positive Zukunftsvisionen

Trauer ist nicht nur ein individueller, sondern auch ein kollektiver Prozess. In Zeiten der Klimakrise erleben viele Menschen Climate Grief – die tiefe Trauer über den Verlust von Ökosystemen, Arten und einer lebenswerten Zukunft. Diese Trauer kann überwältigend wirken, birgt jedoch auch enormes Potenzial: Durch das Fühlen dieser Trauer entsteht Raum für eine tiefe Verbundenheit mit der Erde und das Bedürfnis, aktiv für den Schutz und die Regeneration unseres Planeten einzutreten. Joana Macy und ihre Arbeit zu „The Work That Reconnects“ bieten inspirierende Wege, diese Trauer in positive Zukunftsvisionen zu verwandeln. Auch bei Reinventing Society arbeiten wir mit der Kraft solcher Visionen und möchten Menschen ermutigen, die Trauer anzunehmen und als Grundlage für eine neue, regenerative Zukunft zu nutzen.

Eine Einladung

Es ist an der Zeit, dass wir in unserer Gesellschaft den Umgang mit Trauer neu gestalten. Trauer gehört nicht in den Keller, sondern mitten ins Leben. Sie ist kein Zeichen von Schwäche, sondern ein Ausdruck unserer Menschlichkeit. Wir sollten den Mut haben, unsere Trauer offen zu zeigen, über sie zu sprechen und sie bewusst zu erleben. Es ist heilsam, sich mit vertrauten Menschen zum gemeinsamen Trauern zu treffen und die Tränen anderer willkommen zu heißen. Wenn wir unsere Trauer öffentlich machen, geben wir auch anderen die Erlaubnis, ihre Gefühle zuzulassen.

Lasst uns vielfältige gesellschaftliche Formate, Orte und Rituale für einen gesunden Ausdruck von Trauer zu schaffen, in denen diese nicht isoliert, sondern in Gemeinschaft durchlebt werden kann. Es braucht mehr Trauerzeremonien, Klimatrauer-Workshops und „Häuser der Tränen“. Diese Angebote sollten fester Bestandteil unserer Kultur werden, um Trauer als lebenswichtigen Teil des menschlichen Erlebens anzuerkennen.

Wenn wir uns die Welt anschauen, dann gibt es verdammt viel zu betrauern. Indem wir die Trauer annehmen, schaffen wir Raum für Heilung, Verbundenheit und Frieden in der Welt. Damit wir eine schönere Welt aufbauen können, brauchen wir offene Herzen. Die Trauer kann uns den Weg weisen.

Weiterführende Ressourcen

  • Buchtipp: „The Smell of Rain on Dust: Grief and Praise“ - by Martin Prechtel

  • Buchtipp: „Active Hope: Der ökologischen Krise mit kreativer Kraft und Resilienz entgegentreten“ von Joana Macy

  • Buchtipp: „Gefühle & Emotionen - Eine Gebrauchsanweisung: Wie emotionale Intelligenz entsteht“ von Vivian Dittmar

  • Grief Cafés: Räume für Trauer und Gemeinschaft – Ein Überblick über das Konzept der Grief Cafés, in denen Menschen zusammenkommen können, um ihre Trauer zu teilen.

  • ·Die geführte RAIN Meditation (Recognize, Allow, Investigate, Nurture) von Tara Brach leitet an, Achtsamkeit und Mitgefühl für schwierige Emotionen aufzubringen (auf Englisch): https://www.youtube.com/watch?v=W8e_tAEM80k

Gedicht: “Freude und Leid” von Khalil Gibram

Deine Freude ist die Enthüllung deines Schmerzes.
Und derselbe Brunnen, aus dem dein Lachen rinnt,
war oft mit deinen Tränen gefüllt.

Wie könnte es auch anders sein?

Je tiefer der Schmerz in dein Wesen schneidet,
umso mehr Freude kannst du fassen.

Wurde nicht derselbe Krug, der deinen Wein hält,
im Töpferofen gebrannt?

Und wurde nicht das Holz der Laute, die deinen Geist besänftigt,
mit Messern ausgehöhlt?

Wenn du fröhlich bist, sieh tief in dein Herz,
und du wirst entdecken, dass nur das,
was dir Schmerz bereitet hat, dir nun Freude macht.
Wenn du betrübt bist, sieh noch einmal nach deinem Herzen,
und du wirst bemerken, dass die Wahrheit, um die du weinst,
dich vorher erfreut hat. Einige von Euch sagen:

„Die Freude ist größer als der Schmerz.”
Andere sagen:

,“Nein, der Schmerz ist größer als die Freude."
Ich aber sage euch, sie sind untrennbar. Sie kommen gemeinsam,
und wenn eines der beiden mit dir auf dem Tisch sitzt, vergiss nicht,
dass das andere in deinem Bett schläft. In Wahrheit bist du die Schalen einer Waage,
zwischen Freude und Leid aufgehängt.

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Lino Zeddies Lino Zeddies

Workshop-Bericht: Die Klimaschutzspaltung – Gesellschaftliche Dynamiken und Heilungspotenziale

Am 23. August 2024 versammelten sich etwa 20 engagierte Menschen in Berlin, um sich im Rahmen des Workshops „Die Klimaschutzspaltung – Gesellschaftliche Dynamiken, zugrundeliegende Ursachen und Heilungspotenziale“ mit den tiefen Rissen in der Klimaschutzdebatte auseinanderzusetzen. Im Folgenden werden die zentralen Erkenntnisse des Workshops zusammengefasst.

Am 23. August 2024 versammelten sich 20 engagierte Menschen in Berlin, um sich im Rahmen des Workshops „Die Klimaschutzspaltung – Gesellschaftliche Dynamiken, zugrundeliegende Ursachen und Heilungspotenziale“ mit den tiefen Rissen in der Klimaschutzdebatte auseinanderzusetzen. Dabei wurden innovative Methoden wie Deep Democracy, Aufstellungsarbeit und Naturverbindungspraktiken eingesetzt. Im Folgenden werden die zentralen Erkenntnisse des Workshops zusammengefasst.

1. Die Dysfunktionalität der aktuellen Klimaschutzdebatte

Einer der Hauptpunkte des Workshops war die Einsicht, dass die gegenwärtige Klimaschutzdebatte stark dysfunktional ist. Sie ist geprägt von einer Zersplitterung der Diskussionen und einem Mangel an echtem Zuhören. Verschiedene Ebenen und Interessen sind vermischt, wodurch es schwierig wird, zu klaren Ergebnissen zu gelangen. Zu den Akteuren in diesem verworrenen Diskurs gehören nicht nur Umweltaktivisten, sondern auch Menschen aus ganz unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen: von Superreichen über sozial Benachteiligte bis hin zu Politikverdrossenen und systemkritischen Stimmen. Dieses breite Spektrum an Akteuren und Interessen führt zu einem Übermaß an Lärm und Ineffizienz.

2. Systemische Spaltungen und kollektive Traumata

Ein weiterer wichtiger Aspekt ist das Vorhandensein tiefer, systemischer Spaltungen und kollektiver Traumata, die den Menschen von der Natur entfremden. Historische Ereignisse und Strukturen wie die Industrialisierung, Kolonialisierung, das Patriarchat, die Hexenverbrennungen und die Christianisierung haben einen Keil zwischen Mensch und Natur getrieben. Diese Entwicklungen haben zu einer Entheiligung der Natur beigetragen, indem sie sie zu einem Objekt der Ausbeutung und Kontrolle gemacht haben. Die Heilung der Klimaschutzspaltung erfordert daher eine tiefgreifende Auseinandersetzung mit diesen historischen Traumata und eine gezielte Aufarbeitung, um den Weg zu einer neuen Beziehung zur Natur zu ebnen.

3. Verbindung und Gemeinschaft als Schlüssel

Eine zentrale Erkenntnis des Workshops war die Bedeutung von Gemeinschaft und Verbindung. Es wurde betont, dass die Menschen durch den Aufbau guter Beziehungen untereinander automatisch auch in eine tiefere Verbindung zur Natur treten. Eine solche Verbindung kann helfen, Spaltungen zu überwinden und ein „Myzel“ an Beziehungen zu schaffen, das sowohl die menschlichen Gemeinschaften als auch die Natur miteinander verbindet. Das Konzept eines „Myzels“ verdeutlicht, wie eng und subtil alle Lebewesen miteinander vernetzt sind – eine Idee, die als Basis für eine heilende Klimadebatte dienen könnte.

4. Fokus auf Naturverbindung statt auf CO2 und Klimaschutz

Ein weiteres wichtiges Thema war die Verschiebung des Fokus von einer reinen CO2-Reduktion hin zu einer tieferen Naturverbindung. Viele Teilnehmer waren der Meinung, dass der Begriff „Klimaschutz“ oft zu technisch und distanziert ist, während der Begriff „Naturverbindung“ eine emotionalere und tiefere Resonanz hat. Eine Rückbesinnung auf die Naturverbundenheit könnte dazu beitragen, dass die Debatte zugänglicher und bedeutungsvoller wird, da die meisten Menschen eine natürliche Verbindung zur Natur spüren und schätzen.

5. Positive und einladende Narrative fördern

Abschließend wurde deutlich, wie notwendig positive, inspirierende und einladende Narrative in der Klimadebatte sind. Durch inspirierende Zukunftsvisionen können Menschen motiviert werden, sich für gesunde Ökosysteme und Klimaschutz zu engagieren und sich der Diskussion mit einem offenen Herzen zu nähern. Ein wichtiger Schritt für eine konstruktive Debatte ist zudem, sich in Ruhe gegenseitig zuzuhören und die verschiedenen Perspektiven ernst zu nehmen. Nur so kann ein echter Dialog entstehen, der zur Heilung der Spaltungen und zur Förderung eines konstruktiven Klimadiskurses beiträgt.

Der Workshop hat deutlich gemacht, dass die Klimadebatte nicht nur technologische oder politische Lösungen braucht, sondern auch eine tiefgreifende soziale und kulturelle Transformation. Durch den Aufbau von Verbindungen, die Heilung kollektiver Traumata und die Schaffung inspirierender Narrative können wir gemeinsam den Weg zu einer lebendigen und friedlichen Zukunft gestalten.

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Lino Zeddies Lino Zeddies

In der Ruhe liegt die Kraft - Systemische Perspektiven auf Rechtspopulismus und gesellschaftliche Transformation

Die Gesellschaft ist zunehmend gespalten, die Demokratie steht unter Beschuss und die AfD und rechtspopulistische Bewegungen sind im Aufwind. Diesen besorgniserregenden Entwicklungen wurde am 11. April 2024 in Berlin ein experimenteller Workshop mit 12 Teilnehmenden gewidmet, der interessante Erkenntnisse hervorbrachte.

Die Forschungsfragen

1) Wo und wie kommen wir individuell mit dem Thema Rechtspopulismus in Berührung? Welche Auswirkungen hat es auf unsere Beziehungen? Welche Strategien und Muster des Umgangs haben wir? Was sind körperliche Empfindungen, wenn wir mit dem Thema in Kontakt sind?

2) Welches systemische Bild zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus und AfD stellt sich dar? Wie sind die strukturellen Dynamiken, Beziehungen und Reaktionsmuster?

3) Was könnten effektive, systemische Umgangsweisen sein? Welche Interventionen braucht es, damit wir als Gesellschaft wieder zusammenfinden?

Die Gesellschaft ist zunehmend gespalten, die Demokratie steht unter Beschuss und die AfD und rechtspopulistische Bewegungen sind im Aufwind. Diesen besorgniserregenden Entwicklungen wurde am 11. April 2024 in Berlin ein experimenteller Workshop mit 12 Teilnehmenden gewidmet, der interessante Erkenntnisse hervorbrachte.

Die Forschungsfragen

1) Wo und wie kommen wir individuell mit dem Thema Rechtspopulismus in Berührung? Welche Auswirkungen hat es auf unsere Beziehungen? Welche Strategien und Muster des Umgangs haben wir? Was sind körperliche Empfindungen, wenn wir mit dem Thema in Kontakt sind?

2) Welches systemische Bild zur gesellschaftlichen Auseinandersetzung mit Rechtspopulismus und AfD stellt sich dar? Wie sind die strukturellen Dynamiken, Beziehungen und Reaktionsmuster?

3) Was könnten effektive, systemische Umgangsweisen sein? Welche Interventionen braucht es, damit wir als Gesellschaft wieder zusammenfinden?

Rahmen und Methodik

Anspruch war es, keine Sach-Diskussionen zu führen, sondern auf einer tiefen, systemischen Ebene strukturelle Dynamiken und Möglichkeiten zu erforschen. Methodisch wurde dazu mit einer Mischung aus individueller Reflexion, Körperarbeit, systemischen Aufstellungen, Social Theater und Deep Democracy gearbeitet. Der Workshop war für Menschen angedacht war, die dem Thema Rechtspopulismus/der AfD grundsätzlich kritisch gegenüberstehen und effektive Umgangsweisen suchen. Für zukünftige Forschungen wäre eine direkte Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Vertreter:innen rechter Positionen interessant, um die Authentizität von Befindlichkeiten, Zuschreibungen und gesellschaftlichen Dynamiken zu überprüfen. Natürlich können die Erkenntnisse aus einem einzelnen experimentellen Workshop nicht 1:1 auf die Realität übertragen werden und sollten als Inspiration, Anregung und Perspektiverweiterung verstanden werden. Eigene Erkundungen, Überprüfungen und weitergehende Forschungen sind daher herzlich eingeladen.

Erfahrungen und Erkenntnisse

  • Individuell zeigten sich unterschiedliche Betroffenheiten und Berührungspunkte mit dem Thema. Manche Teilnehmende haben in ihrem nahen sozialen Umfeld Menschen, die sich von rechten Inhalten angezogen fühlen und/oder die AfD wählen, was emotional herausfordernd ist. Das Thema wird dann entweder bewusst vermieden, um die Beziehung nicht zu belasten oder führt zu Kontaktabbruch. Andere haben weniger direkte Berührungen aber spüren politischen Handlungsdruck. Bei allen Teilnehmer:innen brachte das Thema große emotionale Ladung mit sich und es zeigten sich starke körperliche Anspannung und unangenehme Gefühle, z.B. Enge in der Brust, Wut im Bauch, Trauer, körperlicher Erstarrung etc.

Spannend war eine systemische Aufstellung im Raum, bei welcher das Konfliktbild der Gesellschaft im Kleinen nachgestellt wurde (Die Systemaufstellung ist ein Verfahren, in dem Personen stellvertretend für Mitglieder oder Aspekte eines sozialen Systems in einem realen Raum repräsentativ zueinander in Beziehung (auf-)gestellt werden und dann die Dynamik der Beziehungen, Empfindungen und Bedürfnisse untersucht wird). Im Workshopraum wurde dazu eine "rechte Ecke" bestimmt und ein paar Personen stellten sich als Repräsentant:innen in diese hinein, während sich die Anderen als restliche Gesellschaft dazu im Raum positionierten. Erkenntnisse daraus:

  • Die Stellvertreter der „Rechten“ wirkten nach außen stark und selbstbewusst (breiter Stand, verschränkte Arme, harter Gesichtsausdruck), aber die Repräsentant:innen fühlten sich innerlich schwach und kurz vorm Kollabieren. Sie hatten das Gefühl auf keinen Fall Schwäche zeigen zu dürfen und sich daher aufplustern zu müssen.

  • Die Repräsentanten der „Rechten“ wirkten von außen als kohärente, vereinte Gruppe, fühlten sich jedoch nicht wirklich miteinander gut verbunden und eher vereinzelt.

  • Die restliche Gesellschaft fühlte sich auch vereinzelt, kraftlos und nicht wie ein gemeinsames Ganzes. Es fehlte Verbindendes, gemeinsame Ausrichtung und positive Narrative. Insofern bot die restliche Gesellschaft den „Rechten“ auch keine wirklich verlockende Alternative.

  • Von der „rechten Ecke“ aus wirkte die „restliche Gesellschaft“ wie eine harte, vorwurfsvolle Front. Daher schien der Weg zurück in die Gesellschaft verwehrt. Wenn man einmal in der Ecke war, kam man daher kaum wieder heraus.

  • Bei den „Rechten“ steckte viel Ladung und Frustration über gesellschaftliche Fehlentwicklungen. Als dies mit großer Wut einmal ausgedrückt wurde, wurde von den anderen nicht wirklich zugehört und dies eher als unangenehme Information weggewischt oder überheblich ignoriert. Bei anderen löste der Wutausbruch jedoch auch große Angst aus.

  • Bei den Teilnehmenden gab es übereinstimmend die Wahrnehmung, dass sehr viel gesellschaftliche Energie in dem Thema Rechtspopulismus gebunden ist. Die „rechten“ Repräsentant:innen hatten auch das Gefühl, im gesellschaftlichen Rampenlicht zu stehen und im Fokus der öffentlichen Aufmerksamkeit zu sein. Nach Einschätzung der Teilnehmenden stecken ca. 80% der gesellschaftlichen Energie in dem Themenkomplex fest und binden somit viel Kraft, die nicht für Neues zur Verfügung steht (wie z.B. für die dringend notwendige öko-soziale Transformation).

  • Als sich eine Gruppe aus restlichen Gesellschaft von der „rechten Ecke“ abwandte und sich „etwas Neuem und Schönem“ zuwandte, war das zwar etwas erleichternd, wirkte aber gleichzeitig weder angebunden, noch kraftvoll, weil der Fokus und die gesellschaftliche Energie dafür fehlten.

  • Die gesamte Konstellation schien aus systemischer Perspektive hochkomplex, vielschichtig und festgefahren. Deutlich spürbar war daher große Spannung im Raum und die gleichzeitige Überforderung aller Personen. Es schien klar ersichtlich, dass es keine einfachen, schnellen Lösungen gibt.

Rechtspopulismus als gordischer Knoten

Der Themenkomplex „Rechtspopulismus und AfD“ speist sich aus zahlreichen gesellschaftlichen Spaltungen und Konflikten. Wir identifizieren folgende:

  • Der Ost-West-Konflikt & Folgen der Wiedervereinigung

  • Der Umgang mit der Zeit des Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg

  • Die Corona-Krise

  • Ökonomische Ungleichheit

  • Politische Unzufriedenheit

  • Umgang mit Einwanderung

  • Die Klimakrise

  • Umgang mit Diversität

  • Uvm.

Rechtspopulismus erscheint daher wie ein hochkomplexer gordischer Knoten. Unentwirrt ist dieser kaum zu lösen.

Lösungsimpuls: In der Ruhe liegt die Kraft

Als zum Ende des Workshops nach Lösungen und heilenden Impulsen für das festgefahrene System gesucht wurde (noch in der gesellschaftlichen Aufstellung stehend) legten sich ein paar Teilnehmende aus einem inneren Impuls heraus zu Boden. Dies weckte erstmal Verwunderung. Bei manchen kamen Assoziationen von Tod und Weltkriegs-Schlachtfeldern auf. Die Ruhenden berichteten jedoch, dass es sich dort liegend sehr gut, entspannt und durchaus lebendig anfühle. Als sich nach und nach weitere Teilnehmende zu Boden legten, löste sich die verhärtete Front langsam auf und verwandelte sich in ein Feld der Ruhenden. Im starken Kontrast zur Anspannung der vorherigen Konstellation, war nun merklich Entspannung und Leichtigkeit eingekehrt. Die Ruhenden berichteten, dass erst jetzt Kapazität sei, innere Anbindung zu finden und mit der Natur in Verbindung zu treten. Diese Feststellung löste Trauer aus.

Dieses unerwartete Lösungsbild irritierte zunächst. Der Verstand möchte etwas tun, einen klaren Plan haben und „spektakulärere“ Lösungen. „So einfach kann es doch nicht sein.“ Doch wir leben in einer hochkomplexen Welt, in der lineare Pläne zu kurz greifen und die Ratio allein überfordert ist. Aus systemisch-struktureller Perspektive erscheint das Lösungsbild des erstmal-zur-Ruhe-Kommens daher durchaus sinnvoll und kraftvoll. Innere Angebundenheit und Ruhe sind die Grundlage, um die hohe Komplexität des Systems erfassen zu können und dann einen sinnvollen Umgang zu finden. Aus einer Anspannung und Stress heraus erfolgt hingegen hektisches Reagieren, welches in dem System verhaftet bleibt und es nicht zu transformieren vermag. Viele Teilnehmenden konnten die Stimmigkeit des Lösungsbildes daher schließlich nachempfinden und waren berührt von der Erfahrung.

Kollektive Trauma

Bei der Betrachtung des Lösungsbildes drängte sich die schmerzhafte Einsicht auf, dass Deutschland im Grunde seit dem Ende des 2. Weltkrieges noch nicht zur Ruhe gekommen ist. Erst musste das Land wieder aufgebaut werden und es war schlichtweg kein Raum für Trauer und Aufarbeitung all der Übel des Weltkrieges. Dann wurde dieser Modus des immer-weiter-Machens und Funktionierens zum Normalzustand, wahrscheinlich auch als Betäubungs- und Bewältigungsstrategie für all die abgespaltenen Ängste, Schuldgefühle und Traumata. Wer sich heute mit persönlicher Heilung und Traumatherapie beschäftigt, landet fast unweigerlich auch bei Weltkriegs-Traumata in der eigenen Familie, die bis heute nachwirken und sich als Ängste, Taubheit, Unverbundenheit, Abwesenheit von Leichtigkeit oder Depressionen ausdrücken. Auch das heutige Wachstumsdogma und viele düstere Ausprägungen unserer Konsum- und Suchtgesellschaft deuten auf die schwelenden Traumata unter der vermeintlich heilen Oberfläche unserer Gesellschaft hin.

Vielleicht ist es daher wirklich an der Zeit, mit all dem hektischen Tun aufzuhören und endlich zur Ruhe zu kommen. Zwei nicht vollständig aufgearbeitete Weltkriege, eine Pandemie und weitere Kriege und Traumata haben uns kollektiv erschöpft. Für viele Menschen gibt es vermutlich viel zu betrauern – die Schwere unserer deutschen Geschichte, Traumata aus der eigenen Kindheit und Lebensgeschichte und natürlich die überwältigenden Probleme unserer Gegenwart.

Wer im fight-or-flight Modus oder sogar (teilweisen) Trauma-Freeze ist, ist innerlich verschlossen und unfähig zu Mitgefühl und Verständnis für andere Perspektiven. Damit Verbindung und Verständnis mit anderen möglich ist, braucht es ein entspanntes Nervensystem. Die entsprechende Selbstregulation wiederum erfordert ein Gefühl der Sicherheit, gehaltene Räume und emotionales „Entladen“. Dafür braucht es vermutlich auch neue kollektive Räume und Formate.

Resümee und weiterführende Betrachtungen

Wenn kommunal eine rechte Übernahme droht, die Lage bei der Unterkunft für Geflüchtete eskaliert und Menschen akut bedroht werden, dann braucht es schnelles, entschlossenes Handeln. Doch bei kurzfristigen Symptombekämpfungen und Flagge zeigen gegen Rechts darf es nicht bleiben. Gesamtgesellschaftlich braucht es strukturelle und systemische Lösungen, um das Problem an der Wurzel zu erfassen und zu beheben. Dabei können das Erstarken der AfD und rechtspopulistischer Positionen als gordischer Knoten verstanden werden, der sich aus vielen gesellschaftliche Konflikten und Spannungsfeldern speist. Es ist daher sinnvoll, sorgfältig zu differenzieren. Ein frustrierter Arbeiter, der sich von den politischen Eliten nicht gehört und abgehängt fühlt und daher aus Protest AfD wählt, ist etwas ganz anderes als eine Klimaleugnerin oder ein Neo-Nazi. Rechtspopulismus und AfD erfordern daher entsprechend differenzierte Umgangsweisen.

Einige systemische Maßnahmen wie z.B. Demokratie-Updates, die Aufarbeitung von politischen Fehlern während der Ost-Integration oder der Corona-Krise oder die Entwicklung überzeugender positiver gesellschaftlicher Zukunftsvisionen sind sicherlich sinnvoll, um Rechtspopulismus den Boden zu entziehen.

Gleichzeitig ist die Gesellschaft mit dem „gordischen Knoten“ von Rechtspopulismus und den vielen weiteren Krisen gegenwärtig so festgefahren und überfordert, dass ein kollektives zur-Ruhe-kommen hilfreich erscheint, um Klarheit hinsichtlich des Kerns der Krisen und effektiver systemischer Antworten zu finden.

Wir sind kollektiv sehr darauf gepolt, für die Erreichung von Zielen hart arbeiten und kämpfen zu müssen. Wenn etwas nicht gelingt, versuchen wir es dann mit mehr Anstrengung, mehr Einsatz, mehr Kampf. Die Effektivität dieses Vorgehens scheint bei vielen gesellschaftlichen Krisen mittlerweile seine Grenzen erreicht zu haben. Vielleicht ist weniger jetzt mehr. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir uns kollektiv mehr Leichtigkeit und Ruhe erlauben, damit Raum für Heilung, für Verbindung und für Klarheit entstehen kann. Denn in der Ruhe liegt die Kraft.

Buchtipp zu Trauma: „Sprache ohne Worte: Wie unser Körper Trauma verarbeitet und uns in die innere Balance zurückführt“ von Peter A. Levine

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Gesellschaftliche Spaltung überwinden: 10 Erkenntnisse aus experimentellen Workshops

Wie können gesellschaftliche Spaltungen geheilt und in Verbundenheit und Verständnis gewandelt werden? Wie können wir unsere Demokratie regenerieren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken?

Angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Krisen und Spaltungen braucht es neue, konstruktive Formen des gesellschaftlichen Austauschs. In einer Serie experimenteller Workshops ("ReSo Labs") experimentieren wir bei Reinventing Society daher mit neuen Methoden und Ansätzen, um zu erforschen, wie sich Konflikte entladen lassen, Verständnis für unterschiedliche Perspektiven entwickelt werden kann und wir der Vision einer lebendigen Gesellschaft der Verbundenheit näher kommen. In diesem Artikel möchten wir zehn interessante Erkenntnisse aus zwei experimentellen Workshops teilen.

Wie können gesellschaftliche Spaltungen geheilt und in Verbundenheit und Verständnis gewandelt werden? Wie können wir unsere Demokratie regenerieren und den gesellschaftlichen Zusammenhalt stärken?

Angesichts der zunehmenden gesellschaftlichen Krisen und Spaltungen braucht es neue, konstruktive Formen des gesellschaftlichen Austauschs. In einer Serie experimenteller Workshops ("ReSo Labs") experimentieren wir bei Reinventing Society daher mit neuen Methoden und Ansätzen, um zu erforschen, wie sich Konflikte entladen lassen, Verständnis für unterschiedliche Perspektiven entwickelt werden kann und wir der Vision einer lebendigen Gesellschaft der Verbundenheit näher kommen. In diesem Artikel möchten wir zehn interessante Erkenntnisse aus zwei experimentellen Workshops teilen.

1)    Vereinzelung ist der Status-Quo

Übung: Wenn du unsere Workshop-Gruppe als Mikro-Abbild der Gesellschaft betrachtest, wo wäre dann dein Platz im Raum? Wie fühlst du dich dort und was tust du dort?

Während die Teilnehmenden sich im Raum bewegen und verschiedene Positionen und Haltungen ausprobieren, entsteht ein Gesamtbild der Vereinzelung. Fast alle stehen auf die ein oder andere Weise alleine und für sich, nicht eingebunden. Einige stehen außerhalb, betrachten von außen die Gesellschaft, haben dort ggf. ihre Wohlfühlorte mit Gleichgesinnten gebaut. Die Atmosphäre ist statisch, angestrengt, der Ausdruck „gemeinsam allein“ kommt in den Sinn. Das Empfinden der meisten ist, nicht als ganzer Mensch mit allen Bedürfnissen und Eigenschaften in der Gesellschaft eingeladen zu sein – Wohlfühlorte sind daher außerhalb „der Gesellschaft“.

Im zweiten Workshop brachte die Einladung, als Gruppe den Status Quo zu spielen (und weniger den eigenen Platz zu untersuchen) eine Parodie unserer Gesellschaft hervor: Menschen fingen an Privateigentum zu horten und vor anderen zu beschützen. Andere zogen „ihr Ding“ durch auf Kosten anderer und setzten ihre „coolness“ in Szene, wollten gesehen und bewundert werden. Ausgegrenzte saßen in Fötushaltung in der Ecke, Retter entstanden, „wir müssen etwas tun“ kam immer wieder auf. Es entstand ein tragisch-komisches Theater der dysfunktionalen Charaktere unserer Gesellschaft. Eindeutig war: Aus diesem Chaos, Getriebensein und Aktionismus kann kaum etwas gutes Neues entstehen.

Gleichwohl zeigten beide Inszenierungs-Varianten keinen wirklich geladenen Konflikt, sondern vor allem Unverbundenheit, Vereinzelung und Überforderung. Dies erscheint zutreffend. Wir sind als Gesellschaft im großen Ganzen nicht im Gegeneinander, aber die Unverbundenheit schmerzt, Gemeinsames fehlt und das Trennende und Spaltungen nehmen in den letzten Jahren merklich zu.

 

2)    Die Vision ist „Freiheit in Verbundenheit“

Wie und wo wäre dein Platz in der Idealen Gesellschaft? Wie fühlst du dich dort, was tust du und was ist deine Rolle?

Es entsteht ein lebendiges Bewegtbild: Man grüßt und begegnet sich, es wird kommuniziert, auf dem Boden ausgeruht, Gruppen bilden sich und lösen sich wieder auf. Alle sind näher beieinander, die Atmosphäre ist spielerisch, leicht, kommunikativ. Neue Formen entstehen unentwegt in einem rhythmischen Pulsieren.

Grundgefühle sind Entspannung und Freude. Aus der Sicherheit der Eingebundenheit kann Neues ausprobiert, gespielt und auch mal spielerisch miteinander gerungen werden. Es gibt keine festgelegte Führung, alle folgen ihren spontanen Bedürfnissen und Impulsen. Eine Person zieht sich für eine Weile in eine Ecke des Raumes zum „mit-sich-sein“ und Meditieren zurück und berichtet später, dass dies immer noch mit einem Gefühl der Angebundenheit geschah.

Ein treffender Ausdruck für die Atmosphäre dieser gemeinsamen Vision ist „frei in Verbundenheit“. Das gemeinsame Schauspiel zeigt eine „lebendige Gesellschaft“ und damit ein kraftvolles Zielbild für die Gruppe.

 

3)    Kreisharmonie schafft Ausgrenzung

Stellen wir uns einmal im Kreis zusammen und halten uns an den Händen – wie fühlt sich das an?

Teil eines harmonischen Kreises zu sein gibt Sicherheit und Wärme. Gleichzeitig ist das System starr und wenig beweglich. Man ist zwar eingebunden und hat einen festen Platz, aber wenig Freiheit. Bei manchen Teilnehmenden kommen direkt Spannungen und Fluchtimpulse auf. Spürbar ist auch die Ausgrenzung aller Menschen außerhalb des Kreises. Das System fühlt sich ähnlich an wie die Familie, in der man zwar seinen festen Platz hat, die aber oft auch Schweres und Spannungen mit sich bringt.

Gesellschaftlich kommen Assoziationen mit Kommunismus, Stammtischen, Fußballclubs, ideologischen Lebensgemeinschaften, Parteien und Fraktionszwang auf. Als Gleiche im Kreis zu stehen, mag ein schönes Ideal sein, aber in der Praxis entsteht schnell Ausgrenzung, Ideologie, und Unfreiheit.

Spannend war auch, dass in dem Beispielsetting die Moderation den Kreis „angeordnet“ hatte. Die Anordnung von Gleichheit und Gruppenharmonie durch politische „Anführer“ ist kein seltener Akt.

Somit erscheint die „Kreisharmonie“ eher als problematische Gegenbewegung zur Vereinzelung, die kurzfristig Bedürfnisse nach Eingebundenheit und Sicherheit erfüllen mag, aber strukturell neue Probleme schafft und keine überzeugende Vision darstellt. Die lebendige Gesellschaft ist keine Kreisharmonie.

 

4)    Wirksames Handeln erfordert Ruhe und Angebundenheit

Das Schauspiel zum gesellschaftlichen Status Quo zeigte eindeutig: Aus Getriebenheit, Vereinzelung und Stress heraus ist die Perspektive zu kurzfristig und zu unangebunden. Die Not, etwas zu verändern erzeugt hohlen Aktionismus, der schwerlich Gutes bewirken kann und nur bestehende Muster befeuert. So schafft jede vermeintliche Lösung eines Symptoms neue Probleme. Was es braucht ist erstmal ein Stop, ein Herunterfahren und zur Ruhe kommen. Erst aus dieser Entspannung und Ruhe kann die Weitsicht und Angebundenheit entstehen, die es für systemische Lösungen braucht. Gerade wenn es sehr wild und unübersichtlich wird, kann es das Beste sein, erstmal nichts zu tun und zu beobachten und damit Bewusstheit in das System zu bringen.

 

5)    Spannungen zu halten ist die halbe Miete

Üblicherweise versuchen wir, geladene Situationen und Spannungen schnell „wegzumachen“ und zu lösen. Die Anspannung im Körper und unangenehme Gefühle erzeugen den Wunsch, schnell wieder zur Entspannung und Harmonie zurückzukehren. Wenn es Klarheit gibt, was es zur Lösung braucht, ist das großartig, aber häufig werden wir zu vorschnellen Lösungsversuchen verleitet, die dann scheitern. Im besten Fall wird es nur anstrengend, sich zur Lösung durchzuringen, im schlimmsten Fall werden zusätzliche Spannungen und Konflikte erzeugt.

Es kann daher eine wichtige Kompetenz sein, Spannungen halten zu können und den Raum zuzulassen, damit sie von alleine ihren Weg zur Entspannung zurückfinden können. Manchmal müssen wir zur Lösung gar nicht mehr tun, als mit der Spannung gut da zu sein, sie bewusst wahrzunehmen und Raum zu schaffen. Diese „Spannungshalte-Kompetenz“ ist eine kraftvolle Fähigkeit, die insbesondere bei komplexen Situationen und Konflikten gefordert ist. Gerade wenn es heiß hergeht, viele Perspektiven und Bedürfnisse durcheinanderrufen und es keinen Überblick mehr gibt, kann es das Beste sein, erstmal eine Stille einzuberufen, innezuhalten und die Nervensysteme zu regulieren, bevor es weitergeht. Neben dem „Konflikte-vermeiden“ und „unter-den-Teppich-kehren“-Modus einerseits und dem „Durcharbeiten“ andererseits, tut sich damit eine wichtige dritte Möglichkeit zum Umgang mit Spannungen auf.

 

6)    Spannungsversorgung vor der Spannungsanalyse

Wenn ein Konflikt aufgekommen ist, kann es passieren, dass ab einem Punkt manche Beteiligten schon innerlich wieder im Frieden damit sind und bereits darüber sprechen, analysieren und reflektieren möchten, während andere noch in der akuten Spannung hängen. Ist dies der Fall, sind zweitere nicht empfänglich für Reflektionen und möchten erstmal gesehen und gehört werden. Die innere Spannung braucht Versorgung, bevor Reflektionsprozesse möglich sind. Daher sollte immer erst sichergestellt werden, dass alle akuten Spannungen versorgt sind und alle „raus“ sind, bevor gemeinsam „von außen“ über die Spannung geredet wird. Wenn dies nicht beachtet wird, misslingt die gemeinsame Reflektion und neue Spannungen und Frustrationen entstehen.

 

7)    Bewältigte Konflikte schaffen Verbundenheit

„Es gibt nichts Verbindenderes als einen guten Konflikt.“

Im Workshop war klar spürbar, wie mit jeder gemeinsam erfolgreich bewältigten Spannung die Gruppe an Kraft und Verbindung gewann. Nach anfänglich kleinen Spannungen entstand Zutrauen, nach und nach größere Spannungen anzugehen und Teilnehmende wagten, sich mehr zuzumuten und eigene Bedürfnisse stärker in Kontakt zu bringen. Grundlage dabei waren gegenseitige Wertschätzung, Kommunikationsbereitschaft und Offenheit für andere Perspektiven.

Dies mag keine überraschende Erkenntnis zu Gruppendynamiken sein, aber das Potenzial für unsere Gesellschaft wurde nochmals deutlich: Wenn wir als Gesellschaft einen konstruktiven Umgang mit den vielen wabernden Spannungen und Konflikten finden, kann dies enorme Verbundenheit schaffen. Die schwelenden Konflikte sind Potenziale. Wir müssen geeignete Formen, Rahmen und Umgangsweisen entwickeln, damit die Konflikte gut gelöst werden können und uns nicht überfordern und dann wagen, sie explizit anzugehen.

 

8)    Führung und Selbstführung schaffen ein Spannungsfeld

An mehreren Stellen wurde in den Workshops die Rolle von Führung für gesellschaftliche Spaltungen sichtbar. Im besten Fall kann gute Führung Sicherheit und Orientierung schenken, zu Neuem führen, Vorbild und Inspiration sein. Im schlimmsten Fall stülpt die Führung der Gruppe unterkomplexe Lösungen und Pläne über oder spaltet sogar aktiv, um die eigene Herrschaft zu zementieren.

Besonders interessant war ein Moment, in dem eine 4er Gruppe nach einer Pause noch nicht bereit zum Weitermachen war und die restliche Gruppe daraufhin wartete. Diese für sich genommen triviale Situation wurde anschließend als Beispielfall eines Konflikts ausführlich analysiert. Durch Selbstreflexion und Austausch über das innere Erleben wurden interessante und teils unbewusste Muster und Dynamiken aufgedeckt.

In der Moderation gab es eine innere Spannung aus dem Verantwortungsgefühl heraus, den Teilnehmenden etwas bieten zu müssen. Die Kleingruppe wurde daher als Störung wahrgenommen, die dem „Plan“ nicht folgt und den Workshop aufhält. Der Leiter der 4er-Gruppe wurde innerlich daher als „Abtrünniger“ wahrgenommen. In der Folge entstand innerer Groll und es wurden sogar aktiv Störgeräusche erzeugt, um die Kleingruppe zu irritieren und deren Fokus „zurückzuholen“.

Dies zeigte ein typisches Muster in unserer Gesellschaft: Die Angst, unserer Verantwortung für ein Ergebnis oder eine Gruppe nicht gerecht zu werden, verleitet uns dazu, unsere erstbesten Lösungen und Pläne anderen überzustülpen und diese „durchzudrücken“. Wer dem Plan im Wege steht, wird bestraft – und das aus einem Gefühl der moralischen Überlegenheit heraus .

Derweil waren die Personen der 4er-Gruppe im Modus der Selbstfürsorge und wussten natürlich besser als die Moderation, was gerade für jede/n am besten war und hätten kein Problem damit gehabt, wenn die restliche Gruppe schon weitergemacht hätte (was aber nicht kommuniziert wurde).

Hier zeigte sich ein herausforderndes Spannungsfeld: Einerseits werden wir in der Gesellschaft in Schule und Beruf typischerweise darauf trainiert, unsere eigenen Bedürfnisse und Impulse zu übergehen und dass Führungspersonen für uns entscheiden. Selbstführung fällt vielen Menschen daher schwer und auf uns allein gestellt, sind wir schnell überfordert. Gleichwohl können Führungspersonen gar nicht wissen, was wirklich das Beste für alle ist. Gute Selbstführung muss aber erstmal kultiviert werden.

Dies wurde auch verdeutlicht als in einer späteren Situation die Moderation aus einem spontanen Impuls heraus die Führung für eine Stunde abgab und die Teilnehmenden damit für diesen Zeitraum in die Selbstführung „genötigt wurden“. Diese Freiheit und ein wegbrechender Rahmen schaffte erstmal Verwirrung, dann aber einen angenehmen, dezentralen Austauschraum.

In der Abschlussrunde tauchte auch nochmal die Erkenntnis aus: „Wenn ich mich nicht selbst führe, entsteht Spaltung in mir. Spaltung in mir führt zu Spaltung mit anderen.“

Wenngleich die Vision der lebendigen Gesellschaft vor allem auf Selbstführung und Eigenverantwortung erwachsener Menschen fußt, müssen diese Qualitäten erst behutsam kultiviert werden. Um dahinzukommen, braucht es auch mal gute Führung. Dieses Spannungsfeld gilt es weise zu navigieren.

 

9)    Trennende Verhaltensmuster sind in uns allen

Durch die Analyse von Spannungsmomenten im Workshop wurde offensichtlich: Wir alle tragen Verhaltensmuster in uns, die zu Spaltung und Ausgrenzung führen können. Beispiele:

·        Wir bestärken befreundete Personen, die sich ungerecht behandelt fühlen und stacheln aus einem Gefühl der Solidarität heraus schnell Selbstgerechtigkeit und Konflikte an, statt nur empathisch da zu sein, Verständnis einzuladen und zu deeskalieren.

·        Wir versäumen es, unsere Bedürfnisse klar zu kommunizieren und grenzen uns dann von anderen ab, die diese nicht erfüllen.

·        Wir gehen über unsere Grenzen und machen danach anderen Vorwürfe, die uns dazu „genötigt“ haben.

·        Wenn wir uns bestimmtes Verhalten wünschen, bauen wir Druck auf andere auf, statt uns zu erkundigen, was die anderen von unserem Wunsch abhält oder was diese brauchen.

Die gespaltene Gesellschaft ist daher nicht um uns herum, sondern auch in uns. Indem wir diese Muster erkennen und verändern, können wir zu mehr Verbundenheit und Verständnis in der Gesellschaft beitragen.

 

10)  Der Fokus auf Trennendes schafft Trennung, der Fokus auf Lösungen schafft Lösungsräume

Ein Teil des Workshops befasste sich mit einem Brainstorming zu den Ursachen der Spaltung: Was trennt uns? Was hält uns ab von der „lebendigen Gesellschaft“? Was fehlt?

Während sich zahllose Faktoren auf Post-Ist sammelten, wurde das Gruppenfeld immer angestrengter, Diskussionen begannen, Einzelne zogen sich heraus und in der anschließenden Reflexion wurde deutlich:

Der Fokus auf das Trennende lädt die Trennung ein. Wenn wir uns auf Probleme fokussieren, dann „laden wir diese ein“ und holen sie hoch. Wenn wir uns hingegen auf Lösungen fokussieren, laden wir diese ein und landen auch eher im Lösungsraum.

Gleichwohl ist es umgekehrt nicht sinnvoll, Probleme auszuladen und unter den Teppich zu kehren. Wenn diese da sind, sollten sie angenommen und versorgt werden. Zum Vergleich: Bei einer Feier lädt man sinnvollerweise gute Freunde ein. Steht plötzlich der kautzige Nachbar vor der Tür, ist es sinnvoll, diesen freundlich zu empfangen und wertschätzend einen guten Umgang mit ihm zu finden (ob man ihn einlädt oder freundlich vertröstet). Wenn man ihn hingegen verjagt und unfreundlich wegschiebt, steht womöglich wenig später die Polizei wegen Ruhestörung vor der Tür und die Party ist vorbei. Gleichwohl ist es umgekehrt nicht sinnvoll, wenn man nun dazu übergeht, vor allem komische Nachbarn einzuladen.

Daher scheint sinnvoll: Verbundenheit einladen und gleichzeitig Konflikte und Spannungen da sein lassen, wenn sie kommen, ohne sie hochzuholen.

 

Bonus: Die Erde verbindet

Ein Teilnehmer brachte aus einem spontanen Impuls heraus einen Beamer mit, der uns während des Workshops mit einem Bild der Erde an der Wand beschenkte. Diese einfache Geste erinnerte uns daran, dass wir alle gemeinsam auf diesem Planeten leben und miteinander verbunden sind. Ein solches Bild kann ein kraftvoller Anker zur Rückbesinnung sein und ein hilfreiches Element für ähnliche Workshops und Konfliktklärungs-Räume darstellen.

 

Fazit und Ausblick

In den Workshops wurde deutlich: Wir teilen die Vision einer lebendigen Gesellschaft. Alle wünschen sich im Grunde ihres Herzens das Gleiche: Lebendigkeit, Freiheit und Verbundenheit. Kreisharmonie hingegen ist ein zweifelhaftes Ideal.

Keine/r wünscht sich Spaltung oder Vereinzelung. Dennoch entstehen diese Muster durch unsere typischen Gewohnheiten und Strukturen. Diese zu verändern, liegt in unserer Macht, indem wir uns positiv ausrichten und bei aufkommenden Spaltungen und Konflikte erstmal innehalten, diese da sein lassen und gemeinsam aus der Ladung heraustreten. Wenn wir gute Selbstführung kultivieren und anderen mit Verständnis und Offenheit begegnen, können wir gemeinsam destruktive Muster durchschauen, neue kultivieren und dadurch als Gesellschaft zusammenwachsen.

Bei Reinventing Society werden wir das Themenfeld gesellschaftlicher Spaltungen mit experimentellen Workshops weiter erforschen und wollen perspektivisch ein Angebot zum konstruktiven Umgang mit akuten gesellschaftlichen Spaltungen schaffen. Über unseren Newsletter informieren wir über weitere Events und Angebote.

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Lino Zeddies Lino Zeddies

Utopie der Ampel-Regierungskoalition

Was ist das höchste utopische Potential der nächsten Ampel-Regierungskoalition?
Ja, ich bin von den Wahlergebnissen auch etwas ernüchtert, aber als utopisch denkender Mensch versuche ich nach vorne zu blicken und habe mich gefragt, was sich aus dem Ergebnis machen ließe. Hier ein paar Ideen und Impulse:

Ein neuer Wind durchzieht bereits die Koalitionsgespräche. Durch eine professionelle und wertschätzende Moderation (extern) begegnen sich die beteiligten Politiker:innen auf einer persönlichen Ebene. Sie sprechen über Träume, Sehnsüchte und Ängste für die Zukunft Deutschlands, bauen untereinander Vertrauen auf und entwickeln Verständnis für die Perspektiven der anderen.

Was ist das höchste utopische Potential der nächsten Ampel-Regierungskoalition?
Ja, ich bin von den Wahlergebnissen auch etwas ernüchtert, aber als utopisch denkender Mensch versuche ich nach vorne zu blicken und habe mich gefragt, was sich aus dem Ergebnis machen ließe. Hier ein paar Ideen und Impulse:

Ein neuer Wind durchzieht bereits die Koalitionsgespräche. Durch eine professionelle und wertschätzende Moderation (extern) begegnen sich die beteiligten Politiker:innen auf einer persönlichen Ebene. Sie sprechen über Träume, Sehnsüchte und Ängste für die Zukunft Deutschlands, bauen untereinander Vertrauen auf und entwickeln Verständnis für die Perspektiven der anderen. Dann wird gemeinsam visioniert: Was wollen wir gemeinsam in den nächsten 4 Jahren erreichen? Wie könnte eine Zukunftsvision aussehen, auf die wir alle Lust haben und die uns begeistert? Der Fokus liegt auf dem Verbindenden: Wie können alle Seiten Ihre Stärken einbringen und sich sinnvoll ergänzen. Wo können Perspektiven konstruktiv ausgetauscht werden und voneinander gelernt werden? Wie entfaltet sich eine gemeinsame Kraft?
Es entsteht eine kraftvolle Vision für die nächsten vier Jahre: Starker Klimaschutz ohne Bevormundung und Mikroregulierung, ein vereinfachtes Steuersystem, effektive Sozialpolitik die in der breiten Masse ankommt und eine gute Mischung aus Innovation und bewahrender Vorsicht.
Konkrete Eckpunkte des Koalitionsvertrags sind geloste Bürger:innenräte als neue Säule der Demokratie, Verantwortungseigentum als neue Unternehmens-Rechtsform, ein deutlich höherer CO2 Preis, Ausbau der erneuerbaren Energien und Kohleausstieg 2032, Wahl ab 16, Aufbau einer effizienteren, digitalen Verwaltung, ein umfassenden Deregulierungs- und Entbürokratisierungsprogramm zugunsten einfacher, klarer Regeln und Gesetze für die Unternehmenswelt, ein Innovationsfond, Schließung von Steuerschlupflöchern für Konzerne und Reiche und dafür Steuersenkungen für die breite Masse, Abschaffung des 2-Klassen Gesundheitssystems, ein neues Ministerium für Demokratie, die Förderung ökologischer Landwirtschaft und vielem mehr.
So beginnt die erste deutsche Ampelkoalition unter Kanzler Olaf Scholz das Amtsgeschäft mit Anna-Lena Baerbock als Aussenministerin, Christian Lindner als Wirtschaftsminister, Saskia Esken als Arbeitsministerin und Robert Habeck als Finanzminister.
Für die gemeinsame Arbeit im Parlament wird zudem ein neuer Umgangskodex vereinbart: Gewaltfreie Kommunikation, zuhören und ausreden lassen und Schluss mit persönlichen Angriffen. Ein externes Expert:innengremium ist mit der Einführung dieser neuen Kommunikationskultur im Bundestag beauftragt. Viele Abgeordnete können es kaum erwarten, zukünftig in einem sehr viel wertschätzenderen und sichereren Umfeld zu arbeiten - miteinander statt gegeneinander.

Was wäre in so einem Rahmen wohl alles möglich an positiven Veränderungen?

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Lino Zeddies Lino Zeddies

Mein Geld ist dein Geld - Gründung einer Finanzkooperative, Teil 2

Vor einem halben Jahr schrieb ich über die Gründung einer Finanzkooperative zusammen mit zwei guten Freunden einen Beitrag. Nach sechsmonatiger Testphase unserer Finanzkooperative mit dem Namen “Metazorn” ist es Zeit für eine Evaluation und einen Zwischenbericht.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Unsere Finanzkoop läuft weiterhin fantastisch! Wir sind allesamt unglaublich begeistert, dass wir dieses Experiment gewagt haben und bei einem Treffen zum Abschluss der Testphase haben wir voller Enthusiasmus entschieden, mit ein paar Modifikationen weiterzumachen.

Vor einem halben Jahr schrieb ich über die Gründung einer Finanzkooperative zusammen mit zwei guten Freunden einen Beitrag. Nach sechsmonatiger Testphase unserer Finanzkooperative mit dem Namen “Metazorn” ist es Zeit für eine Evaluation und einen Zwischenbericht.

Um es gleich vorweg zu nehmen: Unsere Finanzkoop läuft weiterhin fantastisch! Wir sind allesamt unglaublich begeistert, dass wir dieses Experiment gewagt haben und bei einem Treffen zum Abschluss der Testphase haben wir voller Enthusiasmus entschieden, mit ein paar Modifikationen weiterzumachen.

Rückblick auf sechs Monate “Metazorn”

Viel war passiert im halben Jahr der Finanzkoop-Probephase. Kurz nach unserer Gründung im Februar schlug der Corona-Lockdown ein und führte zu einigen interessanten Entwicklungen. Paradoxerweise ist in dieser Zeit bei uns jedoch kein Geldmangel, sondern finanzielle Fülle eingekehrt. Ich bekam 5000€ Corona-Selbstständigen-Hilfe, eine andere Person bekam ein üppiges Seminar-Honorar und der Dritte im Bunde eine Gehaltserhöhung. Plötzlich hatte sich unser 6000€-Startkapital mehr als verdoppelt. Dies fühlte sich für uns fast wie eine kosmische Belohnung dafür an, dass wir mit unserem Experiment in das Vertrauen und die Solidarität gesprungen waren. Wir konnten es kaum glauben und feierten die neu gewonnene finanzielle Fülle. Zwischenzeitlich hörte ich von einer anderen Finanzkooperative, die eine Erbschaft über mehrere Hunderttausend Euro bekommen haben. Machen Finanzkooperativen etwa reich?!

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Interessanterweise hat diese überraschende Fülle bei uns allen eine spontane Großzügigkeit erzeugt und den Wunsch, den Geldsegen mit Menschen zu teilen, die durch die Corona-Krise in Schwierigkeiten gekommen waren. Zwei Personen aus unserem Bekanntenkreis bekamen daher finanzielle Zuwendungen von uns und allgemein diskutierten wir darüber, wie und in welchem Umfang wir Geld verschenken wollen.

Dennoch schaffte die Corona-Krise auch tiefe Unsicherheiten, Ängste und Gefühle von Kontrollverlust, die ein klärendes Gespräch lösen konnte, sodass die gemeinsame Intention zur Finanzkoop sich weiter festigte.

Außerdem entschieden wir, einen strukturellen Sicherheitspuffer von 10.000€ einzuführen. Darunter wird tendenziell gespart, darüber kann Geld für sinnvolle Projekte gespendet oder zur Erfüllung besonderer Wünsche eingesetzt werden. Zudem stellten wir fest, dass es zur Erfüllung des Sicherheitsbedürfnisses mehr Transparenz über unsere finanzielle Situation brauchte und führten einen monatlichen Finanzüberblick ein, in dem unser jeweiliges Gesamtguthaben und die Einnahmen und besondere Ausgaben offen gelegt werden. Diese Übersicht vereinfacht unseren Austausch über unsere Finanzen enorm, da wir nun immer wissen, wie die finanzielle Lage ist.

Zudem veröffentlichte ich mein Buch „Utopia 2048“ und die anderen beiden halfen mir bei Entscheidungen zum Buchpreis und zu Ausgaben. Dies erleichterte mir vieles. Beide waren interessanterweise hochmotiviert, mir beim Marketing zu helfen - schließlich sind meine Bucheinnahmen auch ihre Bucheinnahmen!

Der Alltag

Insgesamt ist vieles im Alltag angenehm unkompliziert und einfach. Im Restaurant oder bei gemeinsamen Einkäufen erübrigt sich die Frage, wer bezahlt. Es ist einfach völlig egal. Eigentum kann geteilt und verschenkt werden. Es ergibt schließlich keinen Sinn, wenn jemand das gemeinsame Geld für etwas ausgibt, was ein anderer schon besitzt und teilen kann. Bei gemeinsamen Urlauben oder Ausflügen müssen wir nichts auseinanderrechnen. Das ist unglaublich entspannend. Wenn sich solche Abrechnungsfragen mit anderen Freunden, die nicht in der Finanzkoop sind stellen, nervt mich das mittlerweile zusehends. Wie wäre es wohl, mit all meinen Freunden und Freundinnen in einer Finanzkoop zu sein?

Auch entstehen immer wieder spontan witzige Situationen: In der S-Bahn fragte mich mein Finanzkoop-Kollege nach einer Plastiktüte, weil er noch zum Supermarkt wollte. Ich bot ihm an, ihm eine für 3€ zu “verkaufen”. Er gab mir amüsiert das Geld und ich gab ihm im Gegenzug einen 50€-Schein als “Wechselgeld”. Falls andere Fahrgäste die Transaktion beobachtet haben, müssen die gedacht haben, dass wir spinnen.

Regelmäßig gibt es Konversationen wie: “Brauchst du Bargeld?” - “Hm, ja.” - “Dann nimm das! [Ein 50€ Schein wird geworfen.]”

Interessanterweise machten wir alle die Erfahrung, dass es Freude bringt, Geld in unser Kollektiv einzubringen (und tatsächlich keinerlei heimlichen Ärger, die eigenen Einnahmen teilen zu müssen). Eine Person bekam sogar den verstärkten Wunsch, mehr zu verdienen und damit mehr Geld zur Gemeinschaft beizutragen. Das Einkommen hatte vorher zwar für den Eigenbedarf dieser Person gereicht, aber Geld in die Finanzkoop einzubringen, schafft zusätzlichen Sinn. Generell widerlegten sich bei uns die Annahmen des Homo Oeconomicus wieder und wieder.

Ich persönlich fühle mich mittlerweile vollkommen tiefenentspannt im Hinblick auf meine Finanzen. Als Autor und Selbstständiger ist meine Einkommenslage allgemein sehr unsicher und die Zukunft sowieso vollkommen ungewiss, aber über die Finanzen mache ich mir dank der Finanzkoop keinerlei Sorgen mehr. Mal verdiene ich mehr Geld, mal wer anders. Gemeinsam sind wir stark.

Herausforderungen und Weiterentwicklungen

Im Mai kriselte es in wenig. Eine Person hatte mit einigen persönlichen Herausforderungen und privaten Konflikten zu kämpfen und erlebte den Verlust der eigenen finanziellen Autonomie durch die Finanzkoop in dieser Zeit als zusätzliche Verunsicherung. Auch die Verknüpfung von Freundschaft und gemeinsamen Finanzen wurde als Bedrohung wahrgenommen. In dieser Zeit gab es zusätzlich auch auf persönlicher Ebene einige schwere Konflikte zwischen uns (unabhängig von Metazorn), sodass Verunsicherung entstand, ob es überhaupt weitergehen würde.

Dazu kam noch ein Konflikt zum Thema Fliegen und Umweltschutz, den einige Missverständnisse in der Kommunikation erschwerten. Letztlich wendete sich jedoch das Blatt und wir fanden zur Klärung und zu neuen Erkenntnissen. Die Flugreise wurde zur Über-Land-Reise, auf die sogar große Lust entstand: Der Weg ist das Ziel. Entschleunigung und Abenteuer wurde die Devise.

Auch die über Wochen immer wieder aufkochenden persönlichen Konflikte zwischen zweien von uns fanden schließlich ein Ende und zusammen mit vielen neuen Erkenntnisse zum Umgang mit Konflikten und Spannungen, entstand ein noch festeres Fundament unserer Freundschaft als zuvor. Immer häufiger schaffen wir es, Ärgernisse und Trigger (die bei uns häufig vorkommen) frühzeitig und sehr direkt in einem achtsamen Rahmen auszudrücken. Solches Streiten machte teilweise richtig Spaß!

Ansonsten haben wir die Grenze von 100€, ab der Ausgaben abgesprochen werden müssen, aufgehoben. Mehr und mehr war das Bedürfnis entstanden, einerseits Ausgaben, die eh bewilligt werden (z.B. ein dringendes Coaching) nicht mit anderen absprechen zu müssen und andererseits die Ausgaben der anderen nicht “abnicken” zu müssen (auch wenn unser “Beratungsprozess” letztlich formal jeder Person die volle Entscheidungsautonomie überlässt). Da wir mittlerweile auf die gegenseitige Aufrichtigkeit und Verantwortlichkeit im Umgang mit Geld absolut vertrauten, entschieden wir schlichtweg, die Beratungspflicht für Ausgaben ab 100€ einfach ersatzlos aufzuheben. Dieser Schritt fühlte sich gut und leicht an und der Austausch und die Einigung dazu gingen überraschend schnell und unkompliziert. Natürlich bestand weiterhin die Einladung, sich Rat zu Ausgaben einzuholen (die kollektive Intelligenz legt manchmal unerwartetes Sparpotenzial frei) und der Wunsch, über höhere Ausgaben informiert zu werden.

Evaluation der Probephase - wie weiter?

Ende Juli, nach knapp sechs Monaten Probezeit, trafen wir uns zur Auswertung unseres Experiments und zur Frage ob und wie es weitergehen soll.

Wir alle waren weiterhin begeistert vom gemeinsamen Wagnis. Für mich fühlte es sich mittlerweile selbstverständlich an, gemeinsam zu wirtschaften und die Vorstellung, wieder getrennte Konten zu führen, erschien mir geradezu absurd. Ich witzelte, dass ich mir schon gar nicht mehr vorstellen könne, irgendwann nicht mehr in einer Finanzkoop mit meinen besten Freunden zu sein. Was soll sowas? Warum kompliziert, wenn es auch einfach geht?
Ich wollte also unbedingt weitermachen und die anderen zum Glück auch. Schnell stand damit der Entschluss, dass es weiter geht. Ein Grund zum Feiern!

Insbesondere begeisterte uns, dass wir die Krise gut bewältigt hatten, neue positive Erfahrungen zum Umgang mit Geld gemacht hatten und in den vergangenen Monaten viele Unsicherheiten und Trigger zu Geld reflektiert und gelockert hatten. Generell hat sich bei allen von uns die Beziehung zu Geld verbessert und ist leichter geworden. Eine Person hatte zwischenzeitlich mit einigen Ängsten und Verunsicherungen gekämpft und war besonders dankbar über die neuen positiven Erfahrungen dank unserer Finanzkooperative und unserem konstruktiven Konfliktumgang.

Wir beschlossen jedoch, dass die gemeinsame Entscheidung für das Weiter nicht die Vehemenz einer Entscheidung bis zum Lebensende haben sollte, sondern die Möglichkeit einschließt, dass es irgendwann vielleicht nicht mehr passt. Ja, wir wollten alle weitermachen und das Projekt aufrechterhalten, auch und gerade wenn es herausfordernd wird. Aber falls das Ganze irgendwann nicht mehr stimmig sein sollte, dann darf das auch so sein und muss kein Scheitern bedeuten. Leben bedeutet Veränderung und die zahllosen Ehe-Scheidungen auf der Welt verdeutlichen nur zu gut, dass auch ein lautes Ja aus voller Brust heraus und mit besten Absichten sich manchmal irgendwann nicht durchziehen lässt.
Diese Grundhaltung brachte noch mehr Leichtigkeit für unser Projekt und nahm etwas Schwere, nun um jeden Preis unser Projekt durchziehen zu müssen.

Auf der Agenda stand ansonsten noch das Thema Rente, denn einer Person war Sicherheit und Planbarkeit gerade wichtig. Nach etwas Überlegung beschlossen wir, dass bis zu 20% der jeweils eigenen Einnahmen einem privaten Rentensparkonto zugeführt werden können und dass bei Auflösung unserer Finanzkoop diese Guthaben bei der jeweiligen Person verbleiben. Bei Festangestellten passiert über die gesetzliche Rentenversicherung schließlich genau das Gleiche, ob wir wollen oder nicht und mit dieser Modifkation wird nun ein Ausgleich geschaffen.

Außerdem sprachen wir über den Umgang mit Vermögen und potentiellem Erbe. Ursprünglich war geplant, nach der Probephase auch die bisher noch privaten Vermögen (die über die 2000€ Startkapital, die jede Person eingebracht hatte, hinausgehen) in den Kollektivbesitz aufzunehmen. Wir tauschten ein paar Gedanken und Überlegungen dazu aus, kamen aber zu keinem klaren Ergebnis, das sofort für alle stimmig erschien. Daher beschlossen wir, diese Themen nochmal zu vertagen. Dabei inspirierte uns das Prinzip von organischem Wachstum: Nichts überstürzen, sondern einen Schritt nach dem anderen gehen.

Ausblick

Nach der Entscheidung zum Weitermachen überlegten wir, mit welchen Intentionen und Wünschen wir weitermachen wollten.

Erstens hatten wir alle Lust, perspektivisch noch ein bis zwei weitere Leute aufzunehmen und werden in nächster Zeit die Augen und Ohren offenhalten.

Zweitens hatten alle Ambitionen bekommen, mehr Geld zu verdienen und unser gemeinsames Vermögen auszubauen. Einerseits wollen wir uns mehr leisten können - jedoch nicht Ramsch für die Müllhalde und überflüssigen Luxus, sondern Investitionen in die eigene Persönlichkeitsentfaltung und in hochwertige, nachhaltige und sinnvolle Produkte. Andererseits hatten wir Lust auf das Unterstützen und Anschieben von progressiven Projekten für gesellschaftlichen Wandel.

Drittens wollen wir mit unseren Erfahrungen in die Öffentlichkeit treten und andere an unseren Erkenntnissen teilhaben lassen (daher auch dieser Bericht). Vielleicht wird es auch noch Youtube-Videos geben.

Viertens wollen wir mit unserer Finanzkoop einen neuen Umgang mit dem Themenfeld Vertrauen, Abhängigkeit, Freiheit und Sicherheit erforschen und aufbauen. Wie können wir in der gemeinsamen Finanzkoop-”Abhängigkeit”, Freiheit und Sicherheit erfahren? Wie kann Vertrauen gerade durch die Verbindung entstehen und bleiben?
Wir hoffen, Wege zu finden, die klassischen Gegenpole von Freiheit und Sicherheit zu transzendieren.

Abschließend stellten wir fest, dass sich unser bisheriger Name “Metazorn” nicht mehr stimmig für uns anfühlte. Unsere Gründung hatten wir als einen heroischen Akt entgegen der üblichen Geldlogik erlebt. “Metazorn” drückte daher auch unsere Frustration und Empörung über die Ungerechtigkeit des üblichen Umgangs mit Geld aus, der wir mit unserer Finanzkoop etwas Konstruktives entgegensetzen wollten.
Mittlerweile fühlte sich unser Projekt jedoch nicht mehr wie ein heroisches Wagnis an, sondern überwiegend leicht, flowy und irgendwie selbstverständlich. Als neuer Name wurde daher “Metatrust” auserkoren. Die Doppelbedeutung aus Metastiftung und Metavertrauen passte perfekt. (Vielleicht werden wir uns irgendwann noch zu „Metaabundance“ weiterentwickeln).

Mit unserer Finanzkooperative haben wir eine kleine Realutopie geschaffen, in der wir unsere Werte von Vertrauen, Fülle, Solidarität und Großzügigkeit schon jetzt im Kleinen leben können. Das fühlt sich unheimlich gut an. Das ist die Welt, in der wir leben möchten.
Möge dieses Experiment daher lange weiter bestehen, noch mehr Kraft entfalten und andere inspirieren.

Lang lebe Metatrust!

Fortsetzung des Artikels: “Mein Geld ist dein Geld - Gründung einer Finanzkooperative, Teil 2”

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Lino Zeddies Lino Zeddies

Geld gemeinsam und gerecht aufteilen mit dem "Geldbrunnen"

Geld in einer Gruppe gerecht aufzuteilen ist ein herausforderndes Unterfangen. Die Methode “Geldbrunnen” bietet einen sehr interessanten Prozess, um zu einem gemeinsamen, für alle tragbaren Ergebnis zu kommen. Vor einigen Monaten habe ich die Methode erfolgreich eingesetzt, um ein paar Tausend Euro als Honorare auf ein sechs-köpfiges Team für die Organisation der Tagung „der nächste Crash als Chance“ zu verteilen. Da wir im Team begeistert waren, wie effektiv sich damit das Geld auf Augenhöhe aufteilen ließ, sodass alle für ihren Beitrag angemessen gewürdigt und gesehen wurden, möchte ich die Methode weiterverbreiten und nachfolgend anhand unserer Erfahrung vorstellen.

Geld in einer Gruppe gerecht aufzuteilen ist ein herausforderndes Unterfangen. Die Methode “Geldbrunnen” bietet einen sehr interessanten Prozess, um zu einem gemeinsamen, für alle tragbaren Ergebnis zu kommen. Vor einigen Monaten habe ich die Methode erfolgreich eingesetzt, um ein paar Tausend Euro als Honorare auf ein sechs-köpfiges Team für die Organisation der Tagung „der nächste Crash als Chance“ zu verteilen. Da wir im Team begeistert waren, wie effektiv sich damit das Geld auf Augenhöhe aufteilen ließ, sodass alle für ihren Beitrag angemessen gewürdigt und gesehen wurden, möchte ich die Methode weiterverbreiten und nachfolgend anhand unserer Erfahrung vorstellen.

Die Grundidee: Der verfügbare Geldbetrag, der auf Personen einer Gruppe oder verschiedene Projekte oder Töpfe aufgeteilt werden soll, wird in Form von Spielgeld in die Mitte eines Tisches gelegt. Die beteiligten Personen setzen sich darum, reflektieren über Prinzipien für eine gerechte Aufteilung und teilen das Geld in mehreren Runden auf, bis eine für alle akzeptable Aufteilung erreicht ist.

Genaues Vorgehen

1) Die Gruppe beginnt mit einer gemeinsamen Klärung der Prinzipien, nach denen das Geld verteilt werden soll. In unserem Fall hatten wir darüber bereits beim Projektstart einige Monate zuvor geredet. Dort hatten wir auch bereits über Vorstellungen zu Honoraren geredet, sodass diese Infos bereits für alle transparent waren und es keine bösen Überraschungen über unrealistische Vorstellungen mehr geben konnte.

Unsere Aspekte, die bei der Verteilung Berücksichtigung finden sollten waren:

a. Eingesetzte Zeit und Energie

b. Eingebrachte Erfahrung und Expertise

c. Übernommene Verantwortung

d. Persönlicher Bedarf

2) Es folgt eine Runde, in der jede Person die eigene Situation bezogen auf diese Kriterien darlegt - wie viel Zeit und Energie hat man eingebracht, wie viel Verantwortung übernommen, wie steht man finanziell da etc.

3) Als nächstes gibt es eine Austauschrunde über potentielle Bedenken, Trigger und Ängste bezogen auf den anstehenden Verteilungsprozess , z.B. zu Angst vor einem ungerechtem Ergebnis, anderen mehr geben zu wollen als da ist oder dem Tabu, sich selber Geld zu nehmen. Der Vorteil ist, dass Spannungen, die sowieso da sind, dadurch für alle sichtbar werden, somit transparent und greifbarer werden und an destruktivem Potential verlieren.

4) Dann geht es los mit dem Hauptteil des “Geldbrunnens” in der das verfügbare Geld in der Tischmitte liegt und verteilt wird. Wir hatten ca. 5000€ Monopoly Geld (wobei richtiges Geld auch witzig gewesen wäre). Dazu beginnt eine Person (z.B. die jüngste oder älteste) und darf einen frei wählbaren Geldbetrag aus der Mitte nehmen zu einer oder mehreren Personen legen. Wenn mehrere Personen begünstigt werden, dann muss für alle der gleiche Betrag gewählt werden. Jede Aktion kann, aber muss nicht begründet werden. Beispielsweise wird dann allen Personen 50€ gegeben mit der Begründung, dass alle ein tolles Team waren und das gemeinsam gewürdigt werden soll oder es werden einer Person 100€ gegeben, weil diese das Projekt gestartet hat.

Dann geht es im Kreis mit der Geldverteilung weiter und jede Person macht reihum einen “Zug”. Das Geld darf nicht nur aus der Mitte, sondern auch vom eigenen Geldvorrat (der natürlich erst entsteht) oder von den anderen Teilnehmenden genommen und verteilt werden und natürlich darf man auch sich selber begünstigen. Ist man am Zug, darf man auch aussetzen oder seinen Konsent mit der aktuellen Verteilung ausdrücken, indem man einen ausgestreckten Daumen zeigt. Konsent heisst, man kann mit der aktuellen Verteilung gut leben und möchte nichts verändern. Nach jeder vollständigen Runde werden die aktuellen Beträge aller Teilnehmer ausgezählt und laut genannt. Dann geht es in die nächste Runde. Der Geldbrunnen geht mehrere Runden, bis niemand mehr etwas verändern will und alle Spielenden ihren Konsent zur aktuellen Verteilung geben. Der Anspruch kann dabei jedoch nicht sein, die perfekte und absolut faire Verteilung des Geldes zu finden, denn diese gibt es nicht. Es ist unmöglich, den Wert der individuellen Beiträge objektiv durch Geld zu bewerten. Viele Dinge lassen sich nun mal nicht angemessen quantifizieren, da es keine angemessene Zahl gibt, welche der Sache gerecht werden kann (wie bei Liebe, Freundschaft und eben auch Engagement, das von Herzen kommt). Die Notwendigkeit, das jeweilige Engagement über Honorare zu quantifizieren ist daher prinzipiell eine problematische Sache und diese Spannung gilt es anzuerkennen. Konsent kann auch wieder zurückgenommen werden, da sich die Verteilung danach ja wieder ändern.

Unsere Ergebnisse und Erfahrungen

Wir kamen nach fünf Runden bereits zu einem Ergebnis, mit dem alle zufrieden waren und dazu ihren Konsent gaben. Die Honorar-Verteilung war ziemlich heterogen und reichte von 2100€ bis 350€, was aber angesichts der berücksichtigten Aspekte für alle stimmig war. Die letzten beiden Runden waren nur noch Feintuning und 10€ oder 20€ wurden noch hin und hergeschoben. Teils bekam eine Person einen Betrag, gab diesen einer anderen und diese gab ihn wieder zurück. Dieses Feintuning schien aber wichtig, damit nochmal alles “gesehen” und gewürdigt wurde, was die Beteiligten in dem Projekt eingebracht haben und was für eine faire Verteilung relevant war.

Interessanterweise wurde mehrfach berichtet, dass gerade geplante Züge von anderen in identischer Weise vorweggenommen wurden (“Ich wollte auch gerade Person X für den besonderen Einsatz bei Y etwas geben”). Wir hatten daher den Eindruck, dass ein sehr ähnliches Ergebnis auch bei Abwesenheit von einer oder mehreren Personen zustande gekommen wäre und andere dann deren Züge übernommen hätten.

Prinzipiell können auch weitere Projekte oder abwesende Personen einen Posten am Tisch bekommen. In unserem Fall war tatsächlich eine am Projekt beteiligte Person nicht physisch dabei und am Ende riefen wir sie an und fragten dann auch nochmal, ob sie mit der Verteilung einverstanden sei. Wenn mehr Geld übrig gewesen wäre, hätten wir ggf. auch Geld an zukünftige Projekte oder unsere Dachorganisation verteilt. Die Methode lässt sich also an verschiedenste Setups und Gruppierungen anpassen.

Fazit

In der Reflexion danach waren wir uns einig, dass es keine bessere Methode für uns gegeben hätte, um das Geld zu verteilen. Der Prozess war nicht immer nur angenehm, sondern konfrontierte einen mit herausfordernden Entscheidungen. Es galt schließlich, Spannungen anzusprechen, innere Prozesse und Gedanken transparent zu machen und eben auch Verantwortung für eine gerechte Verteilung zu übernehmen. Das ist nicht nur einfach. Andere Verteilungsprozesse wären jedoch nur noch unangenehmer gewesen. In einer klassischen Organisation hätte ich als Projektleiter wahrscheinlich einfach über die Verteilung entschieden. Da alle Beteiligten primär aus intrinsischer Motivation dabei waren und nicht von mir für Geld eingestellt, wäre es jedoch sehr komisch und unstimmig gewesen, wenn ich einfach über die Köpfe hinweg entschieden hätte. Zudem war zu Projektbeginn unklar, wie viel Budget am Ende übrig bleibt, sodass feste Honorare gar nicht möglich gewesen wären. Ohne das Vertrauen, dass am Ende schon irgendwie etwas Geld aus dem Projekt für Organisationshonorare übrig bleiben würde und wir das dann gemeinsam gerecht aufteilen, wäre das Team gar nicht zusammengekommen.

Mit dem Geldbrunnen kamen wir zu einer Verteilung, die auf Augenhöhe entstanden war und von allen abgesegnet wurde. Viel Wertschätzung wurde dabei ausgedrückt und die vielen komplexen Kriterien für eine faire Verteilung wurden gesehen und berücksichtigt. Der Prozess schien damit sehr stimmig für unser intrinsisch motiviertes Projekt und ich kann sehr empfehlen, diese Methode bei vergleichbaren Projekten mit einer Haltung des neugierigen Experimentierens mal auszuprobieren.

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Utopische Interviews und Beiträge zu Utopia 2048

In den letzten Wochen sind einige weitere Beiträge zu meinem Buch Utopia 2048 erschienen:

  • ”Utopia 2048 – eine positive Zukunftsvision”, Leseprobe auf dem Blog Postwachstum

  • Utopien sind lebenswichtig”, Rezension und Leseprobe bei Rubikon News:
    “Mit Utopia 2048 haben wir nun ein Buch, mit dem wir uns lesend in eine Welt begeben, in der die meisten Probleme der Menschheit gelöst sind. Das ist ganz und gar nicht langweilig, sondern macht von der ersten bis zur letzten Seite großen Spaß.” (da freut sich das Autorenherz)

Außerdem habe ich “utopische Interviews” mit inspirierenden Persönlichkeiten aus der Zukunft geführt:

In den letzten Wochen sind einige weitere Beiträge zu meinem Buch Utopia 2048 erschienen:

Außerdem habe ich “utopische Interviews” mit inspirierenden Persönlichkeiten aus der Zukunft geführt:

Erstens mit Helmo Pape, der über das Grundeinkommen, die Gemeinwohlökonomie, seinen Permakultur-Balkon und die allgemeine Fülle in der Zukunft berichtet:

Zweitens ein Interview, das ich bei der Tagung “Der nächste Crash als Chance” im Februar mit Mia Reisch-Rosshaar führte, die dafür extra aus der Zukunft eingereist war und uns berichtete, wie wir die nächste anstehende Finanzkrise erfolgreich bewältigt haben.

Drittens habe ich für das Forum Seitenstetten ein Interview zum Schwerpunktthema Geldreform gegeben, interviewt von Nina Krämer:

Übrigens plane ich gegenwärtig eine Generalüberholung vom Buch. Dank dem Feedback und den Anregungen vieler Leser habe ich noch ein paar Verbesserungspotentiale erkannt, die ich gerne ausschöpfen würde. Anreiz dazu ist auch eine geplante Übersetzung ins Englische, an die ich mich zusammen mit einem begeisterten Leser im Juli machen werde und für die idealerweise das deutsche Manuskript dann bereits verbessert ist.

In den nächsten Wochen stehen weitere (für mich besonders aufregende) Beiträge zum Buch in den Startlöchern! Ich bin gespannt wie es weitergeht, aber habe das Gefühl, dass das Buch gerade gut an Fahrt aufnimmt. Woohoooo!

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2. Auflage von Utopia 2048 und bisherige Berichte

Eine zweite Auflage von Utopia 2048 ist fertig und hochgeladen! Einige peinliche Fehler und ungünstige Formulierungen hatten sich doch noch eingeschlichen, die jetzt ausgemerzt sind. Bis die verschiedenen Händlern auf die neue Version umgestellt haben, kann es aber noch eine Weile dauern.

Eine zweite Auflage von Utopia 2048 ist fertig und hochgeladen! Einige peinliche Fehler und ungünstige Formulierungen hatten sich doch noch eingeschlichen, die jetzt ausgemerzt sind. Bis die verschiedenen Händlern auf die neue Version umgestellt haben, kann es aber noch eine Weile dauern.

Ansonsten erfahre ich bisher super Resonanzen zum Buch und auf ein paar Plattformen gibt es bereits Beiträge und Leseproben, das meiste ist aber gerade noch in der Pipeline. Hier die bisherigen Erscheinungen:

Empfehlung der Redaktion: Buchveröffentlichung: “Utopia 2048” von Lino Zeddies, Activism.org

Auszug Aus „Utopia 2048“ Von Lino Zeddies, Monetative Blog

Book-release und Leseprobe: „Utopia 2048“ von Lino Zeddies, Socius Blog

Wir stehen als Gesellschaft an einem Scheidepunkt, Interview mit Lino Zeddies, Agora42

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Buchveröffentlichung: Utopia 2048, Prolog

Utopia 2048 ist fertig!!!

Nach knapp acht Monaten des Schreibens ist das Buch fertig geschrieben. Ein Probedruck ist gestern angekommen und gefällt mir sehr gut. Die ersten Online-Shops listen bereits das Taschenbuch (das Ebook folgt hoffentlich zeitnah) und 100 Bücher sind von mir bestellt. Ich bin sehr gespannt auf die nächsten Wochen und welche Resonanz das Buch erzeugen wird.

Utopia 2048 ist fertig!

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Nach knapp acht Monaten des Schreibens ist das Buch fertig geschrieben. Ein Probedruck ist gestern angekommen und gefällt mir sehr gut. Die ersten Online-Shops listen bereits das Taschenbuch (das Ebook folgt hoffentlich zeitnah) und 100 Bücher sind von mir bestellt zum verschicken und verschenken. Ich bin sehr gespannt auf die nächsten Wochen und welche Resonanz das Buch erzeugen wird. Bestellen lässt sich das Buch hier.


Es folgt der Prolog von Utopia 2048:

»Heute Morgen, am 17. Juni 2048, hat der Bundespräsident den Heldenmarkt auf dem Berliner Messegelände feierlich eröffnet. Der Heldenmarkt hat das deutsche und europäische Sozialunternehmertum nachhaltig geprägt und feierte dieses Jahr bereits sein 37-jähriges Bestehen. Wie jedes Jahr fand der Heldenmarkt direkt im Anschluss an die IFM statt.«

Lena fuhr dazwischen: »Was ist die IFM?«

»Die IFM ist die Internationale Fahrrad Messe«, antwortete der Computer.

»Okay. Weitere Nachrichten bitte.«

Sie saß auf einem Lehnsessel in ihrem Zimmer und blickte auf einen großen Bildschirm, der ihre Zimmerwand fast vollständig ausfüllte. Sie konnte mit dem Computer per Stimmbefehl kommunizieren. Damian hatte ihr eben die Bedienung erklärt. Bisher klappte das unerwartet gut. Über den Computer hatte sie Zugriff auf die sogenannte Central Knowledge Base, eine umfassende globale Datenbank, in der das gesammelte Wissen der Menschheit eingespeist war. Gerade hatte sie entschieden, sich die Nachrichten der letzten Woche anzeigen zu lassen.

Der Computer fuhr fort und blendete Bilder verschiedener Menschen und Gebäude ein: »Das Bundeswirtschaftsministerium hat heute verkündet, innerhalb der nächsten drei Jahre hundertzwanzig weitere Berufungsämter zu eröffnen. Die Berufungsämter sollen alle Bundesbürger noch besser darin unterstützen, ihre Fähigkeiten und Begabungen zu entdecken und ihre persönliche Berufung zu finden.«

Daraufhin erschienen auf dem Bildschirm Mosaike mit verschiedenen vertiefenden Informationen.

»Erzähl mir bitte mehr zu Berufungsämtern«, sagte Lena.

»Berufungsämter sollen alle Bundesbürger dabei unterstützen, durch Beratungen und Coachings die eigenen Interessen, Fähigkeiten und Begabungen zu erkennen und zu entfalten und dadurch die persönliche Berufung zu finden. Berufungsämter sind aus den früheren Arbeitsämtern und Jobcentern hervorgegangen, welche darauf fokussiert waren, dass arbeitslose Bürger möglichst schnell bezahlte Erwerbsarbeit finden. Diese Institutionen standen jedoch in der Kritik, da häufig finanzieller und psychischer Druck aufgebaut wurde, um Menschen in unliebsame Jobs zu drängen. Berufungsämter bieten hingegen ausschließlich positive Unterstützung durch ausgebildete Coaches und Sozialarbeiter und verwenden eine Vielfalt von Methoden und Seminarangeboten, um individuelle Vorlieben und Neigungen zu berücksichtigen. Das erste Berufungsamt wurde als Pionierprojekt 2038 in Nauen eröffnet. Nach einer Probephase...«

Lena unterbrach die Stimme. »Danke, das reicht. Weitere Nachrichten bitte.«

»Der europäische Verteidigungsminister hat beschlossen, Teile der europäischen Armee für einen humanitären Einsatz in den Irak auszusenden. Die Soldaten sollen insbesondere dabei helfen, mit der Roboter-Staffel Landminen zu entschärfen, die durch die heftigen Überflutungen der letzten Wochen an die Oberfläche geschwemmt worden sind.« Das Video zeigte dazu Bilder von überschwemmten irakischen Dörfern, von Soldaten in blauer Uniform, die in ein Flugzeug stiegen und von schildkrötenähnlichen Robotern mit langen Hebelarmen. »Die Minen stammen überwiegend aus dem dritten Golfkrieg und haben in den letzten Tagen bereits mehrere Menschenleben gefordert.«

Der Bildschirm blieb daraufhin stehen und teilte sich in mehrere Bereiche auf: Die Lage im Irak; Die europäische Armee; Der dritte Golfkrieg; Die Ansprache der Verteidigungsministerin; Weitere Nachrichten. Die Mosaike waren mit Bildern und Vorschauvideos hinterlegt.

»Weiter«, sagte Lena.

»Die Bundeskanzlerin hat heute Morgen auf dem Platz der Republik den internationalen Tag des Yoga eingeleitet. Zusammen mit hunderten anderen Yogabegeisterten führte sie vor dem Reichstag verschiedene Yogaübungen aus und machte zum Abschluss den Sonnengruß.« Gezeigt war dazu das Bild einer lächelnden älteren Frau mit nach oben gestreckten Armen zusammen mit zahlreichen anderen Menschen in gleicher Pose.

Lena grinste.

Der Computer fuhr fort: »Viele Schulen, Unternehmen und öffentliche Einrichtungen beteiligten sich an dem Feiertag mit entsprechenden Kursen und Angeboten. Der Gesundheitsminister rief dazu auf, Yoga und Meditationen insbesondere in Unternehmen verstärkter einzubringen.« Ein junger asiatischer Mann wurde eingeblendet, der sagte: »Die gesundheitlichen und psychischen Vorteile einer regelmäßigen Yoga- und Meditationspraxis sind wissenschaftlich bestens belegt. Vor allem als Mittel gegen Stress und hohe psychische Belastung sind diese Ansätze hervorragend geeignet und erhöhen außerdem die allgemeine Lebenszufriedenheit. Die deutsche Wirtschaft hat jedoch Aufholbedarf, entsprechende Angebote für die Mitarbeitenden bereitzustellen.«

Lena schüttelte ungläubig den Kopf. »Weitere Nachrichten bitte. Was ist international passiert?«

»Bei einem Treffen der französischen Präsidentin mit den Staatsoberhäuptern mehrerer afrikanischer Staaten in Dakar wurde das erfolgreiche Begleichen der französischen Entschädigungszahlungen für die Kolonialbesetzung zelebriert. Frankreich hatte den Staaten der ehemaligen französischen Kolonien innerhalb der letzten fünfzehn Jahre insgesamt 650 Milliarden Euro als symbolische Entschädigung für die französischen Verbrechen während der kolonialen Besetzung ausgezahlt. Die gastgebende Präsidentin Senegals begrüßte die Ära einer neuen Beziehung auf Augenhöhe und des gegenseitigen Respekts. Frankreich hatte noch bis 2030 massiven politischen Einfluss genommen und sogar die Geldpolitik einiger afrikanischer Länder kontrolliert. Erst nach dem von der WFTO ausgerufenen globalen Schulden-Erlassjahr 2032 kam es zu einem Umdenken und...«

»Was ist die WFTO?«, unterbrach Lena den Computer.

»Die WFTO ist die World Fair Trade Organization. Die WFTO ist aus der WTO, der World Trade Organization hervorgegangen und...«

»Okay, danke«, sagte Lena schmunzelnd. »Weiter bitte.«

»Der Holy State of Christ versinkt zusehends im Bürgerkrieg. Wie der mexikanische Nachrichtendienst mitteilte, kam es dort in den letzten Tagen zu schweren bewaffneten Konflikten.« Auf dem Bildschirm erschien ein Video von Menschen in weißen Ku-Klux-Clan ähnlichen Roben, die Sturmgewehre schwenkten. »Nach Informationen der UN gibt es in der Bevölkerung Engpässe von Nahrungsmitteln und medizinischen Gütern. Die USA und Mexiko haben humanitäre Unterstützung und Hilfsgüter angeboten. Dies wurde jedoch von den meisten Regionen des Landes ausgeschlagen.«

Lena verzog eine Augenbraue. »Mehr Informationen bit...« Dann schüttelte sie den Kopf und sagte: »Nein, egal. Weitere internationale Nachrichten bitte.«

»Das UN-Generalsekretariat hat im aktuell erschienenen Jahresbericht verkündet, dass die HPGs, die Healthy Planet Goals, von 148 der 205 UN Mitgliedsstaaten zufriedenstellend erreicht worden sind. Insbesondere der südamerikanische Staatenbund wurde durch seine umfassenden Wiederaufforstungsprogramme positiv hervorgehoben. Ein großer Meilenstein sei auch die Regeneration des australischen Great Barrier Reef, welche vielen Wissenschaftlern wie ein Wunder erscheint. Man sei insgesamt auf einem guten Weg, aber es bleibe noch viel zu tun, verlautete der Bericht. Insbesondere die Säuberung der Meere sei zeitaufwändiger und kostenintensiver als veranschlagt. Der japanische Umweltminister hat bereits zu einem internationalen Treffen in Kyoto eingeladen, um das weitere Vorgehen zu sondieren.«

UTOPIA 2048 - BERLIN FRIEDRICHSTRASSE, BY AERROSCAPE, CREATIVE COMMONS LIZENZ: CC BY-NC-SA

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Mein Geld ist dein Geld - Gründung einer Finanzkooperative, Teil 1

Im November las ich auf dem Blog der Triodos Bank den Artikel „Die Geld-Revolution aus der WG-Küche“ über eine Finanzkooperative, die aus einer früheren WG hervorgegangen war und bei der seit mittlerweile fast 20 Jahren sieben Personen alle Einkommen und Ausgaben vergemeinschaftet hatten. Der Ansatz löste sehr große Resonanz und Neugier bei mir aus, sodass ich direkt das entsprechende Buch dazu bestellte und las. Im Verlauf der nächsten Wochen erzählte ich zwei sehr guten Freunden von der Idee. Eine Freundin war auch spontan begeistert von dem Ansatz und ein Freund hatte erst kürzlich einen Workshop zu gemeinsamen kleinen Ökonomien besucht und war auch gerade von dem Thema angefixt. Bei einem gemeinsamen Ausflug in die Sächsische Schweiz redeten wir drei nochmals über die Idee, unsere Einkommen zusammenzulegen und waren alle sofort Feuer und Flamme. Spontan zeigten wir uns unsere Kontoauszüge und die jeweilige gegenwärtige finanzielle Situation.

Die Entstehung der Idee

Im November las ich auf dem Blog der Triodos Bank den Artikel „Die Geld-Revolution aus der WG-Küche“ über eine Finanzkooperative, die aus einer früheren WG hervorgegangen war und bei der seit mittlerweile fast 20 Jahren sieben Personen alle Einkommen und Ausgaben vergemeinschaftet hatten. Der Ansatz löste sehr große Resonanz und Neugier bei mir aus, sodass ich direkt das entsprechende Buch dazu bestellte und las. Im Verlauf der nächsten Wochen erzählte ich zwei sehr guten Freunden von der Idee. Eine Freundin war auch spontan begeistert von dem Ansatz und ein Freund hatte erst kürzlich einen Workshop zu gemeinsamen kleinen Ökonomien besucht und war auch gerade von dem Thema angefixt. Bei einem gemeinsamen Ausflug in die Sächsische Schweiz redeten wir drei nochmals über die Idee, unsere Einkommen zusammenzulegen und waren alle sofort Feuer und Flamme. Spontan zeigten wir uns unsere Kontoauszüge und die jeweilige gegenwärtige finanzielle Situation. Ich selber hatte noch nie irgendjemandem so genau meine Finanzen und Ausgaben offen gelegt und war erst etwas aufgeregt, dieses „Tabu“ zu brechen. Überraschenderweise war die Erfahrung jedoch kein bisschen unangenehm, sondern eher positiv erleichternd. Gleichzeitig war es auch relativ unspektakulär, die Finanzen der anderen zu sehen und wofür diese ihr Geld ausgeben.
Abschließend vereinbarten wir ein weiteres Treffen, um konkretere Schritte zu durchdenken.

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Auch bei diesem Treffen waren wir weiterhin begeistert von der Idee. Mittlerweile schien es uns witzigerweise geradezu abwegig, unsere Finanzen zukünftig nicht zusammenzulegen. Das mag komisch klingen, aber es erschien uns einfach als logischer Schritt angesichts unserer Werte und Prinzipien, nämlich zu vertrauen, zu teilen und sich auszuhelfen. Die Verteilung von Einkommen und Vermögen ist in unserer Gesellschaft häufig einfach sehr unfair und die Finanzkoop daher ein Hinterfragen dieser üblichen Strukturen. Wir drei kannten uns zudem sehr gut, hatten ein tiefes Vertrauensverhältnis und einen ausgesprochen konstruktiven Umgang mit Spannungen und Konflikten. Wir diskutierten beim Treffen also konkrete Umsetzungsmöglichkeiten und auch dabei herrschte große Einigkeit. Der größte Diskussionspunkt war amüsanterweise, ob wir für unsere gemeinsame Kommunikation eine Chat-Gruppe mit dem Messenger Telegram oder mit Signal führen sollten. Da uns das Projekt jedoch als sehr große Entscheidung schien und ich auch noch mit einem Bekannten sprechen wollte, der selbst in einer Finanzkooperative war, vereinbarten wir nochmal ein Treffen ein paar Wochen später, um dann ggf. zu starten.

Bei diesem Treffen war die Stimmung anfangs eher schwierig. Bei Zweien war die aktuelle finanzielle Lage angespannt und es gab Bedenken so zu beginnen. Vielleicht wäre es daher besser, zu warten und mit mehr finanzieller Fülle starten. Als wir über diese Bedenken redeten und auch die Angst, für andere zur Last zu fallen, kam eine so unterstützende und positive Resonanz auf, dass die Stimmung wieder ins Positive und Begeisterung für die Idee umschwenkte. Die Grundidee einer Finanzkoop war ja schließlich, sich gerade in schwierigen Phasen auszuhelfen. Kurzerhand beschlossen wir, die Finanzkoop direkt an diesem Tag, dem 12. Februar 2020, zu starten. Die Stimmung war euphorisch. Kurzerhand liefen wir zum nächsten ATM, schenkten uns gegenseitig Geld und steckten uns heimlich Scheine zu. Mein Geld ist dein Geld.

Die Vereinbarungen

Jede Person bringt ca. 2000€ Vermögen ein und das gesamte zukünftige Einkommen.

Wir treffen uns einmal monatlich, um über die finanzielle Situation, Spannungen, Bedürfnisse und besondere Ausgaben zu sprechen.

Bei Ausgaben über 100€ sollte man die anderen nach deren Rat fragen, ist aber weiterhin frei, selbstbestimmt zu entscheiden („Beratungsprozess“). Bei Ausgaben darunter muss man nicht um Rat fragen, kann dies aber gerne trotzdem tun.

Im deutschen Bankwesen sind Finanzkooperativen über die Zweier-Ehe hinaus definitiv nicht vorgesehen. Konten gehen maximal zu zweit. Wir behelfen uns daher mit einem gemeinschaftlichen Konto, das zwar offiziell nur im Besitz einer Person ist, zu dem die anderen beiden aber via Vollmacht Zugang bekommen. Ansonsten behält jeder auch noch ein separates Konto für die eigenen Einnahmen und Rechnungen als Selbstständige, da nur so der eigene Name auf die Rechnungen kann. Prinzipiell sind aber auch diese Konten bzw. das Geld darauf im gemeinsamen Besitz und alle Einnahmen werden auf das gemeinsame Konto umgeleitet.

Das Ganze probieren wir erstmal für sechs Monate aus und wenn alles gut läuft, werden nach dieser Probephase ggf. auch Vermögen kollektiviert.

Bei Zerfall der Finanzkoop oder Austritt einer Person wird ein Drittel des Geldvermögens an alle ausgezahlt, es sei denn, es besteht Konsent zu einer stimmigeren Aufteilung.

Bisherige Erfahrungen

Bisher sind wir alle von dem Projekt ausgesprochen begeistert. Beim Gründungstreffen erzählte ich von drei kleineren Ausgaben, die ich gerade plante: Pfanne, Küchenmesser und Kopfhörer. Witzigerweise hatten die anderen beiden alle drei Produkte gerade über, sodass ich mir den kompletten Einkauf sparen konnte. Auch Alltagsausgaben sind unkomplizierter. Wenn man zusammen essen geht, einkauft oder gemeinsam etwas verschenkt, ist einfach absolut egal, wer bezahlt. Auch ist es bei manchen Ausgaben erleichternd, nicht alleine vor der Entscheidung zu stehen. Manchmal gibt es interessant-witzige Momente: Als ich beispielsweise einen Freund zum Essen einlud, fiel mir auf, dass ich jetzt im Plural von der Einladung sprechen konnte. „Es war uns eine Freude, dich einzuladen.“

Der Ansporn, Geld zu verdienen und damit in unsere Gemeinschaft einzubringen ist bei einem von uns mit dem Start unserer Finanzkoop interessanterweise stark angestiegen. So viel zum Thema Homo Oeconomicus. Allgemein fühlt sich das Projekt für uns häufig an wie ein Tabubruch, aber ein sehr guter und vielleicht auch überfälliger.

Bisher gibt es keinerlei Bedenken, dass es Vertrauensbrüche, unklärbare Konflikte oder Probleme gibt. Das mag naiv klingen, aber wir haben einfach schon einige gemeinsame intensive Prozesse hinter uns und ich wüsste wirklich nicht, was da kommen sollte, das wir mittlerweile nicht durch offene Kommunikation und eine reflektierte Grundhaltung klären können. Bei engen Freundschaften ist zudem das Konfliktpotential geringer als bei romantischen Beziehungen.

Übrigens haben wir unsere Finanzkoop „Metazorn“ getauft. Dies ist Ausdruck dafür, dass wir wütend auf die Ungerechtigkeiten des gegenwärtigen Geld- und Wirtschaftssystems sind, aber unseren Zorn konstruktiv in die Gründung unserer Finanzkoop umleiten (quasi auf der „Metaebene“ reflektiert). „Finanzcoop oder Revolution in Zeitlupe“, heisst passenderweise auch das entsprechende Buch, das ich anfangs erwähnt hatte.

Ich bin sehr gespannt auf die nächste Zeit und werde in sechs Monaten nach Ablauf der Probephase nochmal berichten. :-)

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Überlegungen und konkrete Vorschläge zum Design der Währungsbehörde in einem Vollgeldsystem

Die Diskussion zum Vorschlag einer Vollgeldreform nimmt an Fahrt auf und zunehmend werden konkrete Antworten zur Ausgestaltung einer Monetative als vierte staatliche Gewalt gefordert: Welche Ziele werden verfolgt? Nach welchen Prinzipien und wie schöpft die Monetative Geld? Wie kann die richtige Balance zwischen Unabhängigkeit, Transparenz und Rechenschaft gefunden und Machtmissbrauch effektiv vorgebeugt werden?

Im Artikel werden diese Fragen diskutiert und einige Vorschläge für die konkrete Zielsetzung und Ausgestaltung einer staatlichen Währungsbehörde aka Monetative vorgestellt. Das Ergebnis ist eine radikal neu gedachte und drastisch vereinfachte geldpolitische Institution, welche nur noch wenig mit einer traditionellen Zentralbank gemeinsam hat. Dabei werden als Geldschöpfungs-Instrumente Zuwendungen an den Staat oder eine variable Bürgerdividende empfohlen, womit Einfachheit, Transparenz und Unabhängigkeit sowohl von der Regierung als auch vom Banksektor sichergestellt wäre. In diesem Rahmen mit klaren Zielvorgaben und effektiven, schlanken geldpolitischen Instrumenten wäre Transparenz systemlogisch und ein klarer Haftungsrahmen für private Geschäftsbanken umsetzbar.

Der vollständige Artikel (16 Seiten) findet sich hier.

Zusammenfassung:
Die Diskussion zum Vorschlag einer Vollgeldreform nimmt an Fahrt auf und zunehmend werden konkrete Antworten zur Ausgestaltung einer Monetative als vierte staatliche Gewalt gefordert: Welche Ziele werden verfolgt? Nach welchen Prinzipien und wie schöpft die Monetative Geld? Wie kann die richtige Balance zwischen Unabhängigkeit, Transparenz und Rechenschaft gefunden und Machtmissbrauch effektiv vorgebeugt werden?
Im Artikel werden diese Fragen diskutiert und einige Vorschläge für die konkrete Zielsetzung und Ausgestaltung einer staatlichen Währungsbehörde aka Monetative vorgestellt. Das Ergebnis ist eine radikal neu gedachte und drastisch vereinfachte geldpolitische Institution, welche nur noch wenig mit einer traditionellen Zentralbank gemeinsam hat. Dabei werden als Geldschöpfungs-Instrumente Zuwendungen an den Staat oder eine variable Bürgerdividende empfohlen, womit Einfachheit, Transparenz und Unabhängigkeit sowohl von der Regierung als auch vom Banksektor sichergestellt wäre. In diesem Rahmen mit klaren Zielvorgaben und effektiven, schlanken geldpolitischen Instrumenten wäre Transparenz systemlogisch und ein klarer Haftungsrahmen für private Geschäftsbanken umsetzbar.

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Ausgestaltungsoptionen einer Vollgeldreform - Ein Überblick

Ziel einer Vollgeldreform ist es, die Geldschöpfung in die Hände einer öffentlichen Einrichtung zu legen, die dem öffentlichen Interesse dient. Dabei gibt es jedoch viele verschiedene Ausgestaltungsoptionen, z.B. welche Instrumente zur Steuerung der Geldmenge verwendet werden oder ob das Zahlungssystem vom Staat oder von privaten Zahlungsanbietern betrieben wird.

Der Hauptfokus dieses Artikels besteht darin, einen vollständigen Überblick über die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten  einer Vollgeldreform zu geben aber nicht so sehr darin, auf die verschiedenen Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen einzugehen. Dennoch werden einige grundlegende Argumente und Überlegungen zusammen mit einer Beschreibung des Status Quo und gegebenenfalls alternativen Reformvorschlägen angeführt. Die Möglichkeiten für den Systemübergang vom aktuellen zu einem Vollgeldsystem wurden aufgrund der Komplexität dieses Themas ausgelassen.

Bei einigen Gestaltungsmöglichkeiten besteht weitgehend Einigkeit über die besten Lösungen, in anderen Fällen sind die Meinungen jedoch sehr unterschiedlich. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass optimale Lösungen oft von den spezifischen Rahmenbedingungen und Institutionen eines Landes abhängen und manchmal nicht für immer und überall verallgemeinerbar sind.

Ziel einer Vollgeldreform ist es, die Geldschöpfung in die Hände einer öffentlichen Einrichtung zu legen, die dem öffentlichen Interesse dient. Dabei gibt es jedoch viele verschiedene Ausgestaltungsoptionen, z.B. welche Instrumente zur Steuerung der Geldmenge verwendet werden oder ob das Zahlungssystem vom Staat oder von privaten Zahlungsanbietern betrieben wird.

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Der Hauptfokus dieses Artikels besteht darin, einen vollständigen Überblick über die vielfältigen Gestaltungsmöglichkeiten  einer Vollgeldreform zu geben aber nicht so sehr darin, auf die verschiedenen Vor- und Nachteile der verschiedenen Optionen einzugehen. Dennoch werden einige grundlegende Argumente und Überlegungen zusammen mit einer Beschreibung des Status Quo und gegebenenfalls alternativen Reformvorschlägen angeführt. Die Möglichkeiten für den Systemübergang vom aktuellen zu einem Vollgeldsystem wurden aufgrund der Komplexität dieses Themas ausgelassen.

Bei einigen Gestaltungsmöglichkeiten besteht weitgehend Einigkeit über die besten Lösungen, in anderen Fällen sind die Meinungen jedoch sehr unterschiedlich. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass optimale Lösungen oft von den spezifischen Rahmenbedingungen und Institutionen eines Landes abhängen und manchmal nicht für immer und überall verallgemeinerbar sind.

TEIL 1: Design der Währungsbehörde

1. Wie ist die institutionelle Ausgestaltung der Währungsbehörde und ihr Verhältnis zum Staat?

Gegenwärtig: Derweil es noch keine Währungsbehörde gibt, bietet sich am ehesten der Vergleich mit Zentralbanken an. In der Eurozone ist die EZB eine vollständig öffentliche Institution, dabei ähnlich einer 4. unabhängigen Gewalt aufgesetzt, unabhängig und nicht weisungsgebunden an die Regierungen. Ähnliches gilt für die deutsche Bundesbank. Jedoch gibt es typischerweise eine starke Verflechtung zwischen Zentralbanken und dem Banken- bzw. Finanzsektor aufgrund der funktionellen Abhängigkeit an die Geldschöpfung der Banken.

Vollgeldvorschlag: Die Währungsbehörde (“Monetative”) sollte eine unabhängige staatliche Behörde sein, die dem öffentlichen Interesse dient (wie die Justiz) und an Gesetze und Regelwerk gebunden ist. Die gegenwärtige Unabhängigkeit von der Politik sollte also beibehalten werden, aber viel mehr Unabhängigkeit vom Finanzsektor ist notwendig.

Alternativer Vorschlag einiger Keynesianer oder Modern Money Theory-Vertreter: Die Funktion der Geldschöpfung sollte Aufgabe des Finanzministeriums sein und nicht einer unabhängigen Währungsbehörde auferlegt werden. (Dies würde einige Prozesse erleichtern und eine bessere Koordinierung der Geldschöpfung mit den Staatsausgaben ermöglichen, birgt jedoch das Risiko von Machtmissbrauch und eine gefährliche Machtkonzentration.)

2. Welche Ziele sollte die Währungsbehörde verfolgen?

Gegenwärtig: Die EZB hat das alleinige Ziel der Verbraucherpreisstabilität, bei anderen Zentralbanken wie die US-Fed ist dies ergänzt durch das Ziel von Vollbeschäftigung und langfristig moderaten Zinssätzen.

Diskussion: Ein einziges Ziel ist offensichtlich einfacher, aber die Verfolgung mehrerer Ziele schafft eine bessere Balance. Die Währungsbehörde hat auch nur begrenzte Fähigkeiten, um manche Ziele zu erreichen, und es kann argumentiert werden, dass einige Ziele eher in den Händen einer separaten Behörde liegen sollten. Die genaue Formulierung und Definition eines Ziels ist zudem von entscheidender Bedeutung.

Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Vollgeldreform (mehrere kombinierbar):

  1. Verbraucherpreisstabilität (Es besteht Einigkeit, dass Verbraucherpreisstabilität das vorrangige Ziel der Währungsbehörde sein sollte, aber es ist fraglich, ob zusätzliche Ziele dazu kommen sollten.)

  2. Finanzstabilität, Vermögenspreisstabilität oder Verhinderung von Spekulationsblasen (Die Verhinderung von Inflation der Vermögenswerte wurde in der letzten Finanzkrise im Allgemeinen stark vernachlässigt, und es sollte eine Institution geben, welche die Vermeidung von Vermögensblasen und die Gewährleistung der Finanzstabilität im Auge behält. Möglicherweise sollte diese Aufgabe jedoch eher in die Hände der Finanzaufsichtsbehörde gelegt werden, um Verstrickungen der Währungsbehörde mit dem Finanzsektor zu begrenzen. Außerdem hängen die Preise für Vermögenswerte von mehreren Faktoren ab und schlägt sich nicht direkt negativ im Alltag nieder, sondern erzeugt “nur” Instabilität in den vermögensmärkten und Ungleichverteilung des Wohlstands. Vielleicht sollte der Schwerpunkt daher eher auf der Verhinderung von Blasen als auf der Gewährleistung der Preisstabilität im Hinblick auf das Preisniveau für Vermögenswerte liegen.)

  3. Ökonomische Kapazitätsauslastung und Wohlstandserhalt, Wirtschaftswachstum oder Vollbeschäftigung (Diese unterschiedlichen Formulierungen haben das ähnliche Ziel, das ausreichend Geld bereitgestellt wird, um das volle Potenzial der Wirtschaft zu entfalten. Das Ziel Wirtschaftswachstum kann jedoch kritisiert werden, weil die ökologischen Grenzen unseres Planeten nicht berücksichtigt werden. Die wirtschaftliche Kapazitätsauslastung und -erhaltung könnte daher ein besseres Ziel sein. Vollbeschäftigung wird in der Regel als Zeichen oder Indikator für die wirtschaftliche Kapazitätsauslastung verstanden. Es kann jedoch auch hinterfragt werden, ob Vollbeschäftigung wirklich wünschenswert ist, da die 4. industrielle Revolution wahrscheinlich immer mehr Arbeitsplätze überflüssig machen wird und das bisherige System von Arbeit möglicherweise grundlegend reformiert werden muss.)

  4. Stabiler Wechselkurs der Währung

3. Wer ist zuständig für Bankenaufsicht und  Finanzmarktregulierung?

Gegenwärtig:  In der Eurozone liegt auch die Bankenaufsicht in den Händen der EZB und weiteren staatlichen Institutionen. In anderen Ländern wird oft eine separate staatliche Institution damit betraut.

Vollgeldvorschlag: Es sollte eine separate Finanzaufsichtsbehörde geben, die sich auf Risikotransparenz und Anlegerschutz konzentriert (Es ist äußerst problematisch, Zentralbanken und Aufsicht/Regulierung von Banken in einer Institution zu kombinieren, und sollte getrennt werden, um eine Verstrickung mit privaten Interessen und Moral zu vermeiden.)

4. Mit welchen Instrumenten kann die Währungsbehörde neues Geld in Umlauf bringen?

Gegenwärtig: Die EZB hat sehr viele verschiedene Instrumente: Die Bestimmung der Höhe der Mindestreserve, die Festlegung des Zinssatzes für verschiedene Kreditgeschäfte mit Banken, Offenmarktgeschäfte (einschließlich des berüchtigten Quantitative Easing Programms) und die Festlegung, welche Aktiva als zulässige Sicherheiten für Zentralbankkredite gelten. (Die derzeitigen Instrumente wirken sehr indirekt und sind ineffektiv, beeinflussen zahlreiche weitere Faktoren (“externe Effekte”), schaffen hohe Missbrauchsgefahr und konzentrieren sehr viel Macht in den Händen der EZB.)

Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Vollgeldreform (mehrere kombinierbar):

  1. Neu geschaffenes Geld wird dem Staatshaushalt als schuldfreie Einnahme übertragen und kann so für öffentliche Ausgaben z.B. in Infrastruktur, Sozialleistungen oder Steuersenkungen verwendet werden. Die Währungsbehörde würde über die Höhe der Geldschöpfung entscheiden, aber nicht darüber, wofür der Staat das Geld ausgibt, während die Regierung nicht über die Höhe der Geldschöpfung entscheiden kann, sondern nur über die Verwendung. (Die meisten Vollgeldreformer sprechen sich für dieses Instrument aus, da die Realwirtschaft damit sehr effektiv und direkt stimuliert werden könnte.)

  2. Alle Bürger erhalten direkt von der Währungsbehörde eine “Bürgerdividende”, z.B. wird jeden Monat ein variabler Geldbetrag an alle Bürger übertragen. (Dieses Instrument hätte wahrscheinlich einen schnelleren Wirkungseffekt auf die Wirtschaft und es besteht kaum die Gefahr eines Machtmissbrauchs.)

  3. Kredite an Banken (Dies könnte andere Instrumente ergänzen, um sicherzustellen, dass in der Wirtschaft ein ausreichendes Kreditangebot vorhanden ist, würde jedoch zu Verstrickungen mit Banken und dem Risiko von Machtmissbrauch führen.)

  4. Offenmarktgeschäfte (Damit könnte a) ergänzt werden zur wirkungsschnellen "Feinabstimmung" der Geldmenge.)

TEIL 2: DAS FINANZSYSTEM

5. Dürfen andere Institutionen Geld schöpfen?

Gegenwärtig: In der Eurozone und Deutschland definiert ein Gesetz physisches Bargeld als einziges gesetzliches Zahlungsmittel und überträgt das Monopol für dessen Schöpfung dem Staat bzw. der staatlichen Zentralbank. Nichtsdestotrotz wird es toleriert, dass Privatbanken eigenes auf die offizielle Währung lautendes Giralgeld schöpfen und diese werden sogar durch staatliche Garantien wie die Einlagensicherung abgesichert. In der Regel bevorzugt die Regierung dieses private Bankengeld aufgrund der elektronischen Vorzüge sogar bei der Zahlung von Gebühren oder Steuern anstelle der eigenen offiziellen Währung (Bargeld), jedoch gegen die Logik des Gesetzes.

Diskussion: Es ist das Kernstück einer Vollgeldreform, dass private Banken kein offizielles Geld mehr schaffen dürfen. Die Unterscheidung zwischen Geld („Geld ist was wie Geld funktioniert“) und der offiziellen Währung (gesetzlich definiert) ist jedoch von entscheidender Bedeutung und es ist umstritten, ob neben der offiziellen staatlichen Währung noch private und parallele Geldformen toleriert werden sollten.

Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Vollgeldreform:

  1. Nein, die Ausgabe der offiziellen Währung und aller Geldformen ist ein staatliches Monopol. Alles, was wie Geld funktioniert und die Landeswährung ersetzt, ist verboten. (Mit dieser strengen Variante soll verhindert werden, dass private Akteure das Privileg der Geldschöpfung wiedergewinnen. Kritiker bezweifeln, dass dies umsetzbar ist, Geldsurrogate wirklich verboten werden können und wo genau die Grenze gezogen wird / wie Geld zu definieren ist.)

  2. Ja und nein, die Ausgabe der offiziellen Währung (physisch und digital) ist ein staatliches Monopol und die Regierung würde nur diese offizielle Währung für Steuerzahlungen und für die Abwicklung ihrer Ausgaben akzeptieren. Alternative Geldformen oder Wertspeicher wie Lokalwährungen oder Kryptowährungen sind jedoch erlaubt. Diese werden jedoch nicht vom Staat garantiert und haben einen Wechselkurs zur offiziellen Währung. (Dies könnte ein ausgewogener Mittelweg sein, der private Innovation und Freiheit ermöglicht, aber ein funktionierendes und krisensicheres staatliches Zahlungssystem gewährleistet.)

Alternativer Vorschlag: "Digital Cash" oder eine Zentralbank-Digitalwährung (“CBDC”): Privatpersonen bekommen Zugang zu Konten direkt bei der Zentralbank und damit zu einer digitalen Form von Geld, die vor Bankpleiten geschützt ist. Dies ist im Gegensatz zur Vollgeldreform jedoch nur eine zusätzliche Option neben dem weiterhin existierenden Giralgeld der Banken. (Dies könnte als Zwischenschritt hin zu Vollgeld angesehen werden.)

6. Wie werden Kredite vergeben?

Gegenwärtig: Private und öffentliche Banken schaffen Kreditgeld und es gibt viele Arten von Kreditvermittlung durch P2P-Kreditvergabe oder Crowdfunding.

Vollgeldvorschlag: Banken verlieren ihr besonderes Privileg der Giralgeldschöpfung und werden zu reinen Kreditvermittlern, die erst Ersparnisse einsammeln und dann weiterverleihen und von der Zinsmarge ihre Ausgaben bestreiten. Diese Funktion kann dann jedoch jeder übernehmen, einschließlich öffentlicher und privater Kreditinstitute, Fonds und P2P-Kreditgeber. (Kreditvergabe ist jedoch nicht die Aufgabe der staatlichen Währungsbehörde - dies ist ein weit verbreitetes Missverständnis.)

7. Gibt es noch physisches Bargeld?

Gegenwärtig:  Ja, aber immer weniger davon und es gibt Bemühungen, dieses zu verdrängen oder ganz abzuschaffen. Wenn dies gelingt, wäre den Banken noch mehr Macht verliehen und gäbe Anlass zu großen Privatsphäre-Bedenken.

Vollgeldvorschlag:  Physisches Bargeld sollte erhalten bleiben und durch elektronisches Vollgeld als digitale Form von staatlichem Zahlungsmittel ergänzt werden.

8. Was gibt dem Geld seinen Wert? Wird es von irgendetwas gedeckt?

Gegenwärtig:  Währungen werden normalerweise nicht mehr durch Gold oder Waren gedeckt, sondern ihr Wert wird abgeleitet aus der Produktionskapazität der Volkswirtschaft, gemessen am BIP (Wert der produzierten Waren und Dienstleistungen) in Kombination mit dem rechtlichen Status als offizielle Währung.

Vollgeldvorschlag: Keine vorgeschlagenen Änderungen.

Alternativer Vorschlag der “Neo-Austrians”: Es sollte eine Rückkehr zum Goldstandard geben. (Dies würde die Geldmenge mit der (zufälligen) Veränderung der Goldmenge koppeln und damit die Geldmenge in ein unflexibles Korsett zwingen. Wenn das Angebot an Gold knapp ist, droht dann die Gefahr von Deflation und wirtschaftlicher Depression.)

TEIL 3: Technische Fragen

9. Wie wird das Ziel der Verbraucherpreis-Stabilität definiert?

Gegenwärtig:  Die EZB definiert die Stabilität der Verbraucherpreise als Inflation der Verbraucherpreise von 1,8%.

Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Vollgeldreform:

  1. Keine Änderungen (Ein positives Inflationsziel könnte einerseits als Sicherheitspuffer gegen Deflation wirken und zum anderen als „Geldsteuer“ fungieren, da damit mehr Geldschöpfung einher ginge und die dadurch entsprechend höheren Seigniorage-Einnahmen eine Umverteilung von oben nach unten bewirken würden.)

  2. Verbraucherpreisstabilität = 0% Inflation (Absolute Preisstabilität ist ein prinzipiell lohnenswertes Ziel und kann innerhalb eines Vollgeldsystems leichter erreicht werden als jetzt. Ein unbeabsichtigtes Absinken unter 0% (=Deflation) wäre jedoch schädlich, weshalb eine kleine positive Rate möglicherweise besser wäre.)

10. Gibt es Zinsen auf Vollgeld-Guthaben?

Gegenwärtig: Girokonto-Guthaben erhalten normalerweise keine oder nur sehr geringe Zinsen, wohingegen längerfristige Bankeinlagen Zinsen erhalten.

Diskussion: In einem Vollgeldsystem haben die Bürger die Wahl, ihr Geld entweder auf dem absolut sicheren digitalen Vollgeldkonto aufzubewahren oder ihr Geld längerfristig auf einem Sparkonto bei einer Bank fest anzulegen, welches dann zur Finanzierung der Kreditvergabe verwendet werden kann. Solche Sparkonten erhalten Zinsen als Ausgleich für den Liquiditätsverlust und des Risikos. Aber sollten auch Vollgeld-Konten Zinsen erhalten?

Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Vollgeldreform:

  1. Nein, es gibt keine Zinsen auf Vollgeld-Konten (Dies ist in der Regel die bevorzugte Option und logischer, da Vollgeld wie digitales Bargeld funktioniert und Bargeld auch keine Zinsen erhält - woher auch. Außerdem wäre damit ein Anreiz geschaffen, Geld auf Sparkonten anzulegen um Zinsen zu verdienen.)

  2. Ja, es gibt Zinsen auf Vollgeld-Konten.

Alternativer Vorschlag der „Gesellianer“: Vollgeld-Konten sollten negative Zinsen erfahren, im Sinne einer „Demurrage“. (Dies würde Geld an die Öffentlichkeit umverteilen und das Horten von Geld verhindern. Es könnte jedoch das Vertrauen in das staatliche Geld untergraben und Umgehungskosten verursachen und damit zur Flucht in alternative Geldformen führen. Die Einführung solcher Negativzinsen könnte theoretisch jedoch ein interessantes Instrument für Geldpolitik in Krisenzeiten sein, um Konsum und Investitionen anzuregen.)

11. Wer verwaltet das Zahlungssystem?

Gegenwärtig: Normalerweise stellt die Zentralbank das Konto- und Zahlungssystem für die Zentralbankreserven bereit. Im Euroraum ist dies das sogenannte TARGET2-System der EZB. Darauf bauen Banken das eigene Online-Banking und Zahlungsschnittstellen für die Endkunden auf.

Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Vollgeldreform:

  1. Ähnlich wie jetzt verwaltet die Währungsbehörde das Hintergrund-Zahlungssystem mit offenen Schnittstellen, über welche private Akteure und Finanzintermediäre Zahlungssysteme für Online-Banking oder andere Dienstleistungen integrieren können. (Dies wäre möglicherweise die beste Lösung zur Ermöglichung von Privatsphäre, Wettbewerb und Innovation.)

  2. Die Währungsbehörde verwaltet eigenständig das gesamte Zahlungssystem einschließlich der Vollgeldkonten. (Zum Beispiel erhält jeder Bürger ein Vollgeldkonto, das mit der Steuer- oder Sozialversicherungsnummer verknüpft werden kann. Damit gäbe es ein gut funktionierendes und kostenloses Zahlungssystem für alle.)

12. Welche Technologie wird für das elektronische Zahlungssystem verwendet?

Gegenwärtig: Konten-basiert

Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Vollgeldreform:

  1. Genau wie jetzt konten-basiert

  2. Distributed Ledger Technologie / Blockchain (Abhängig vom Design der Software, könnte damit theoretisch eine bessere Privatsphäre und Dezentralisierung ermöglicht werden.)

13. Wie sollte Vollgeld von der Währungsbehörde verbucht werden?

Gegenwärtig: Bargeld (welches bereits Vollgeld darstellt) wird in der Zentralbankbilanz als Verbindlichkeit ausgewiesen, als ob es in etwas anderes als Bargeld eingelöst werden könnte. (Dies ist auf die Geschichte des Geldes zurückzuführen, in der es oftmals in Edelmetalle wie Gold einlösbar war.)

Ausgestaltungsmöglichkeiten einer Vollgeldreform:

  1. Genau wie jetzt wird auch elektronisches Vollgeld als Verbindlichkeit in der Bilanz der Währungsbehörde aufgeführt. (Damit wären weniger gesetzliche Änderungen erforderlich.)

  2. Elektronisches Vollgeld wird von der Bilanz getrennt in einem separaten Register der Währungsbehörde erfasst. (Dies ist die allgemein bevorzugte und kohärente Variante. Geld ist dann ein Aktivum/Vermögenswert, der nicht gleichzeitig eine Schuld eines anderen Akteurs ist. Allerdings ist zu bedenken, dass Buchhaltung lediglich eine Form von Protokollierung darstellt und sich nur indirekt auf die Realität auswirkt.)

Der Artikel wurde ursprünglich auf Englisch verfasst für den Blog des International Movement for Monetary Reform und ist auf Deutsch auf dem Blog des deutschen Vollgeldvereins Monetative e.V. erschienen.

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Schönes neues Geldsystem - ein Rückblick. Berlin, 2048

Was für eine Ironie, dass es am Ende ausgerechnet die Banken waren, die den Kapitalismus zu Fall brachten. Den Anfang vom Ende des alten Systems, da sind sich die Historiker heute einig, leitete 2008 die Lehman Pleite ein. In den darauffolgenden 15 Jahren beständiger Krisenpolitik steuerte die damalige Eurozone kontinuierlich auf ihren Zusammenbruch zu und den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, bescherte schließlich 2023 der Euroaustritt Italiens gleichzeitig mit der Veröffentlichung der Euroleaks-Paper. Dieser Moment wird heute auch als der „Big Bang“ bezeichnet. Es ist wohl vor allem dem vorausschauenden und beherzten Handeln vieler Nichtregierungsorganisationen zu verdanken, dass diese Krise nicht in einer Katastrophe geendet ist.

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Was für eine Ironie, dass es am Ende ausgerechnet die Banken waren, die den Kapitalismus zu Fall brachten. Den Anfang vom Ende des alten Systems, da sind sich die Historiker heute einig, leitete 2008 die Lehman Pleite ein. In den darauffolgenden 15 Jahren beständiger Krisenpolitik steuerte die damalige Eurozone kontinuierlich auf ihren Zusammenbruch zu und den Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, bescherte schließlich 2023 der Euroaustritt Italiens gleichzeitig mit der Veröffentlichung der Euroleaks-Paper. Dieser Moment wird heute auch als der „Big Bang“ bezeichnet. Es ist wohl vor allem dem vorausschauenden und beherzten Handeln vieler Nichtregierungsorganisationen zu verdanken, dass diese Krise nicht in einer Katastrophe geendet ist.

Aufgrund der kurz zuvor erfolgten Deregulierung des Finanzsektors unter der damaligen „Koalition der Konservativen“ (KoKo) aus CDU, AfD und FDP hatten die Bankkonzerne in einem letzten Aufbäumen 2021 und 2022 noch einmal Rekordgewinne einfahren können und entsprechend hohe Boni ausgeschüttet. Doch am 24. Oktober 2023 fiel das Kartenhaus komplett in sich zusammen. Glorreich angeführt von der Deutschen Bank, taumelten quasi alle europäischen Großbanken in die Insolvenz. Doch diesmal: Too big to rescue. Auch war aufgrund der skandalösen Enthüllungen der Euroleaks das Vertrauen in die Regierung und die Finanzbranche völlig zerstört und die KoKo mit ihrem Latein völlig am Ende.

Als die Regierung der KoKo auf massiven Druck der Zivilgesellschaft am 30. November 2023 daher geschlossen zurücktrat, übernahm das „Bündnis Solidarität“ aus Zivilgesellschaft, Gewerkschaften und Umweltorganisationen als Notstandsregierung die Führung. Insbesondere die besonnenen Vertreter des Netzwerks der „Fair Finance Coalition“ waren auf den erfolgten Crash vorbereitet und hatten einen detaillierten Krisen- und Reformplan ausgearbeitet, dank dem größere gesellschaftliche Verwerfungen abgewendet werden konnten.

Von einem Tag auf den nächsten wurden alle insolventen Großbanken unter die Kontrolle der Bankenaufsicht gestellt und lediglich kleine Guthaben von Bürgern und Unternehmen gerettet. Jeder Bürger erhielt zudem ein auf der Sozialversicherungsnummer basierendes Bürgerkonto bei der Bundesbank. Es war ein Glück, dass EZB und Bundesbank, inspiriert von Schwedens erfolgreichem E-Krona Projekt, bereits eine entsprechende Infrastruktur mit Blockchain-Technologie für Testzwecke aufgebaut hatten, die quasi sofort in Betrieb genommen werden konnte. Von einem Tag auf den anderen wurde somit für alle Bürger ein kostenloser und sicherer elektronischer Zahlungsverkehr in Echtzeit ermöglicht. Heute ist es kaum zu glauben, dass vor 30 Jahren Onlineüberweisungen trotz Highspeed-Internet üblicherweise noch Tage gedauert hatten, man sich mit unsicherem Bankengeld abspeisen ließ und selbst die Unternehmen bereitwillig saftige Transaktionsgebühren für die damaligen EC- und Kreditkartenzahlungen an die Finanzbranche abführten.

Um den Weiterbetrieb der Wirtschaft und die Versorgung der Bevölkerung nach dem „Big Bang“ in Deutschland zu sichern, schüttete die neue Regierung des „Bündnis Solidarität“ außerdem zusätzliches, von der Bundesbank neu geschöpftes Geld direkt an alle Bürgerkonten aus. Dieses „Helikoptergeld“ war zur Belebung der Konjunktur weitaus effektiver als die absurden Maßnahmen, die sich vorherige Regierungen überlegt hatten, wie beispielsweise noch im Jahr 2009 – man mag es heute kaum glauben – eine Prämie für die Verschrottung funktionierender Autos. Dieses neue Instrument der „Bürgerdividende“ erwies sich als so effektiv, dass noch heute fast die gesamte Geldpolitik darauf beruht. Wenn etwa die Bevölkerung wächst und es zur Wahrung der Preisstabilität mehr Geld im Wirtschaftskreislauf braucht, werden einfach einheitliche „Bürgerdividenden“ an alle Bürgerkonten ausgeschüttet. Neues Geld entsteht damit schuldfrei und kommt durch Ausgaben der Bevölkerung in Umlauf und nicht mehr wie früher über Kredite und Verschuldung. Somit fließt immer genug Geld im System, ohne dass sich irgendjemand verschulden muss. Als sehr sinnvoll hat sich mittlerweile auch die ursprünglich stark umstrittene Einführung eines Negativzinses auf Bürgerkonto-Guthaben erwiesen. So bleibt das Geld im Fluss und der natürlichen Anhäufung des Geldes durch Zins und Zinseszins wird entgegengewirkt.

Außerdem wurden vom Bündnis Solidarität zwischen 2022 und 2025 die vorherigen Finanzkonglomerate aufgebrochen und in ein breitmaschiges Netz gemeinwohlorientierter Ethikbanken eingegliedert. Dank Finanztransaktionssteuer und Gemeinwohlprüfung von Finanzprodukten haben sich die Finanzmärkte im Vergleich zu damals massiv entschleunigt und schaffen nun die Grundlage für die Finanzierung von langfristig orientierten Investitionen und dem sozial-ökologischen Umbau unserer Gesellschaft – ganz ohne Finanzkrisen und Bankenrettungen. Heute sorgen alle Banken dafür, dass das Geld dorthin fließt, wo es am meisten Gutes tut. Wer die früheren grauen Herren der Finanzwelt noch erlebt hat, weiß um den gewaltigen Unterschied zu den heutigen Bankberatern, die uns dabei helfen, die Verwirklichung der eigenen Träume zu finanzieren. Aus Erfahrung muss man sagen, dies war ein langer, langer Weg.

Durch all die Reformen im Geld- und Finanzsystem hat sich in den letzten Jahrzehnten auch der allgemeine Leistungsdruck und Wachstumswahn in der Gesellschaft abgemildert und für viele überraschend auch das Problem der unfreiwilligen Arbeitslosigkeit aufgelöst. Geld ist endlich da für Schulen, für Umweltschutz und für die schönen Dinge im Leben. Auch legen viele Menschen mittlerweile mehr Wert darauf, mit ihren Ersparnissen sinnvolle Projekte anzustoßen als lediglich ihre Zinseinnahmen zu maximieren. Es scheint, dass die Menschen ungemein großzügiger geworden sind, seitdem weniger Knappheit und Wettbewerb herrscht.

Als in den Monaten nach dem Big Bang immer mehr der südeuropäischen Länder aus dem Euro austraten, waren die Befürchtungen groß, dass dies das Ende der EU besiegeln würde. Doch rückblickend muss man sagen, dass die Fehlkonstruktion des Euro und die damit verbundenen systemischen Ungleichgewichte wohl das eigentliche Problem waren und erst die Abkehr der Südländer vom Euro eine Renaissance der europäischen Gemeinschaft ermöglichte. Insbesondere das „Manifest für ein demokratisches Europa“ von 2031 ermöglichte ein neues Aufblühen der Staatengemeinschaft und schaffte auch die notwendigen automatischen Ausgleichsmechanismen für den Euro, der sich seitdem für die nordeuropäischen Staaten als Gemeinschaftswährung bewährt hat.

Doch nicht in allen Ländern wurde der Big Bang so gut bewältigt wie bei uns und trotz aller Fortschritte gibt es noch viel zu tun. Auf globaler Ebene wird gegenwärtig die Einführung einer neuen internationalen Finanzordnung beruhend auf Keynes „Bancor“ Plänen vorbereitet. Damit werden Dollar und Yen von der neuen globalen Reservewährung Unido abgelöst. Durch feste Wechselkurse und ein stabilisierendes Regelwerk in Form von Sanktionen bei Handelsdefiziten als auch bei Handelsüberschüssen, erhofft man sich ein bisher ungesehenes Maß an Stabilität und Gerechtigkeit.

Endlich befinden wir uns also auf einem guten Weg zu einem immer schöneren neuen Geldsystem, das dem Wohlergehen unseres Planeten und aller Menschen dient.

Der Beitrag wurde verfasst für den Blog zur Tagung “Schöne Neue Welt 2048“ und ist auch dort veröffentlicht.

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Reinventing Organizations und Spiral Dynamics im Vergleich

Ich bin ein großer Fan von Frederic Laloux Buch Reinventing Organisations und dessen Modell zur Evolution von Organisationen. Das farbige Stufenmodell beruht dabei auf Don Becks “Spiral Dynamics”-Modell zur Evolution von Menschen und Gesellschaften. Allerdings gibt es ein paar verwirrende Unterschiede. Um Übersicht und Klarheit zu schaffen, habe ich daher zwei Erklärvideos erstellt:

Ich bin ein großer Fan von Frederic Laloux Buch Reinventing Organizations und dessen Modell zur Evolution von Organisationen. Das farbige Stufenmodell beruht dabei auf Don Becks “Spiral Dynamics”-Modell zur Evolution von Menschen und Gesellschaften. Allerdings gibt es ein paar verwirrende Unterschiede. Um Übersicht und Klarheit zu schaffen, habe ich daher zwei Erklärvideos erstellt:

Erstens ein kurzer Überblick über die Organisationsstufen in Reinventing Organizations von Rot bis Türkis:

Zweitens ein Video zu den Unterschieden und Gemeinsamkeiten zwischen Laloux Organisationsstufen und Don Becks “Spiral Dynamics”:

Zur Veranschaulichung finden sich nachfolgend auch nochmal die darin verwendeten Tabellen und Abbildungen:

Überblick zu den Organisationsstufen in Frederic Laloux Buch Reinventing Organisations

Veranschaulichung der Stufen von Don Becks “Spiral Dynamics”
Foto von www.spiraldynamics-integral.de/wertesysteme/ (CC BY-NC-SA 4.0)

Vergleich der Organisationsstufen in Reinventing Organisations und Spiral Dynamics

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