Ein Riss zwischen den Generationen
„Gen Z regelt“ – unter diesem Motto gingen am Samstag junge Menschen deutschlandweit auf die Straße. Der Slogan ist laut, selbstbewusst und ein bisschen trotzig. Und er zeigt: Zwischen den Generationen knirscht es.
Es gibt Spannungen, gegenseitiges Unverständnis, Vorwürfe und Trennung. Viele Jüngere sind frustriert, weil sie nicht gehört werden. Die Mittelalten sind häufig überfordert von zu viel Verantwortung. Viele Ältere vereinsamen.
Mich beschäftigt das Thema Generationendialog seit einigen Monaten. Den Anstoß gab ein Summit, an dem eine ältere Frau ausdrücklich in der Rolle einer Ältesten teilnahm. Sie war da, um zuzuhören und der Gruppe Ruhe und Halt zu geben – aufmerksam, wohlwollend, mit einem Blick für das Ganze. Diese zunächst unscheinbare Rolle war überraschend kraftvoll. Im Verlauf des Summits entstand spontan ein Ältestenrat, der zu einem der Höhepunkte wurde.
Dadurch wurde mir bewusst, wie sehr ich mich nach guten Ältesten sehne, die im Rücken stehen und Orientierung und Erdung schenken – gesellschaftlich ebenso wie ganz persönlich, für meine Projekte und Herausforderungen. Seitdem suche ich bewusst den Austausch mit Älteren und habe kürzlich sogar an einer „Forschungswerkstatt Ältestenschaft“ teilgenommen – als Jüngster in der Runde.
Aus diesen Erfahrungen und Begegnungen habe ich Klarheit darüber gewonnen, was zwischen den Generationen schiefläuft, was sie einander geben können und wie Verantwortung, Aufgaben und Rollen zwischen ihnen besser verteilt sein könnten. Davon handelt dieser Artikel.
Die lebendige Ordnung
In einer guten Ordnung hat jede Lebensphase ihre Aufgabe. Jede Generation gibt etwas und bekommt etwas. Es geht dabei nicht um starre Altersgrenzen, sondern um Rollen, in die man im Laufe des Lebens hineinwächst. Die Übergänge zwischen den Generationen sind fließend.
Die Jüngeren (bis etwa Mitte 20): wachsen
Die Jüngeren sind die Zukunft. Deshalb verdienen ihre Bedürfnisse besondere Aufmerksamkeit. Die Jüngsten werden gestillt, umsorgt und behütet. Die Jüngeren werden gehört, ernst genommen und gestalten mit. Sie bekommen Raum, sich auszuprobieren, Fehler zu machen und ihren eigenen Weg zu finden – mit Unterstützung und Ermutigung. Sie schenken der Gesellschaft frische Fragen, neue Ideen und einen kritischen Blick auf das, was nicht mehr passt.
Die mittlere Generation (etwa 30 bis 60): tragen
Die mittlere Generation steht in der Blüte ihrer Kraft. Sie hat Lebenserfahrung, Kompetenz und Netzwerke. Ihr steht die operative Führung zu: in Politik, Unternehmen, Institutionen und Familien. Sie übernimmt Verantwortung und verdient dafür Ressourcen, Anerkennung und Rückhalt – von den Älteren wie von den Jüngeren.
Die Älteren (ab Mitte 60): im Rücken stehen
Die Älteren geben Orientierung, Rat und Mentoring. Sie bringen Erdung und eine Gelassenheit, die aus einem langen Leben kommt. Sie stehen den anderen Generationen im Rücken. Zudem sind sie die Verbindung zu dem, was tiefer liegt und weiter reicht als der Alltag. Dafür werden sie gesellschaftlich eingebunden und wertgeschätzt.
In der Realität: Unordnung
Von dieser Ordnung sehe ich in unserer westlichen Gesellschaft wenig. Stattdessen:
Die Jüngeren werden kaum gehört. Von ihnen wird vor allem erwartet, dass sie mitmachen und konsumieren, was Ältere vorgeben - vor allem in Politik und Wirtschaft. Ihre Fragen an die Zukunft finden wenig Resonanz. Das frustriert.
Den Jüngeren fehlt Orientierung. Viele Jugendliche verbringen ihre prägendsten Jahre fast nur unter Gleichaltrigen. In Cliquen und sozialen Medien orientieren sie sich an Menschen, die selbst noch auf der Suche sind. Freundschaften unter Gleichaltrigen sind wertvoll – doch sie können die Begleitung durch Ältere nicht ersetzen. Drogenexzesse, riskante Mutproben und Gruppendruck sind deshalb oft weniger jugendlicher Leichtsinn als Ausdruck von Orientierungslosigkeit. Häufig fehlen Erwachsene, die sie gut begleiten.
Kinder gehen auf Abstand zu ihren Eltern. Viele junge Erwachsene ziehen möglichst weit weg von zu Hause. Der Kontakt bleibt oft oberflächlich, schwierige Themen werden gemieden. In vielen Filmen, Serien und Witzen sind die nervigen Eltern und die rebellischen Kinder ein festes Klischee.
Die mittlere Generation ist überfordert. Sie tragen viele Strukturen, ziehen Kinder groß, pflegen Eltern und halten Betriebe am Laufen. Zu viel Verantwortung trifft auf zu wenig Rückhalt und Kapazitäten.
Die Älteren können nicht loslassen. Gleichzeitig halten viele Ältere an Führung und Verantwortung fest – in der Politik, in Unternehmen, in Familien. Sie bleiben am Ruder, auch wenn ihre körperlichen und geistigen Kräfte nachlassen. Auch ein großer Teil des Vermögens liegt bei den älteren Jahrgängen, verständlicherweise oft als Sicherheit fürs Alter gedacht. Gleichzeitig fehlt Kapital dort, wo Familien gegründet, Unternehmen aufgebaut und neue Projekte gestemmt werden.
Die Älteren vereinsamen. Sie werden an den Rand gedrängt: ins Heim, in die Einsamkeit, aus dem gesellschaftlichen Leben heraus. Nach ihrer Erfahrung fragt kaum jemand.
Die Generationen bleiben unter sich. Arbeit, Freizeit, Wohnen, Medien – fast überall bewegen wir uns unter Gleichaltrigen. Echte Begegnung über Altersgrenzen hinweg ist selten.
Frust, Überforderung, Einsamkeit: Drei Generationen leiden auf unterschiedliche Weise. Jede vermisst, was eine andere ihr geben könnte. Die Wurzeln dieser Unordnung reichen weit zurück und haben viele Ursachen: Industrialisierung, autoritäre Erziehung, Kleinfamilie, gesellschaftliche Normen, fehlende Vorbilder.
Die Ältesten fehlen
Im Austausch mit Älteren habe ich eine spannende Entdeckung gemacht: Die weisen Ältesten fehlen nicht nur mir. Sie fehlen fast allen.
Viele in meiner Generation sehnen sich nach älteren Menschen, die mit innerer Ruhe und Präsenz Raum halten, zuhören und Orientierung und Erdung schenken. Im Gespräch mit Älteren merkte ich: Auch ihnen hat diese Qualität gefehlt. Und weil sie selbst kaum Vorbilder hatten, wissen viele von ihnen heute nicht, wie sie in diese Rolle hineinwachsen könnten.
Solche Ältesten kennen wir eher aus Märchen und alten Geschichten oder aus Erzählungen über indigene Kulturen. In unserem Alltag sind sie selten. Das mag daran liegen, dass unsere Wurzeln vielfach abgeschnitten sind – zu unseren Ahnen ebenso wie zur Natur.
Jahrhunderte voller Kriege, Flucht, Vertreibung, Hunger und Zerstörung haben tiefe Wunden hinterlassen. Die Generation meiner Großeltern hat den Zweiten Weltkrieg durchlebt, und viele wurden davon schwer traumatisiert. Man funktionierte und schwieg. Auch davor war es kaum anders: Kriege, Not und autoritäre Erziehung ziehen sich durch unsere Geschichte. So zieht sich auch eine Wunde durch alle Generationen – das Fehlen liebevoller Ältester, die geerdet sind, im Rücken stehen und zuhören können. Deshalb können wir von den heute Älteren nicht einfach verlangen, uns zu schenken, was sie selbst nie bekommen haben.
Darin liegt für mich etwas Verbindendes. Wenn wir diese gemeinsame Wunde anerkennen, müssen wir einander nicht mehr anklagen. Wir können stattdessen gemeinsam erforschen, wie es anders gehen kann: Welche Ältestenschaft wir uns wünschen und wie wir sie gestalten können.
Ein Generationenwechsel steht an
Als mein Opa mit Ende 20 heiratete, fand auch ein Generationenwechsel statt: Er bekam die Schlüssel zum Hof und damit auch die Last der Verantwortung. Seine Eltern hingegen zogen ins Obergeschoss und setzten sich weitgehend zur Ruhe. Die Übergabe war klar, und die Eltern lebten weiter mitten im Geschehen. In dieser Übergabe steckt für mich etwas Gesundes.
Sie war jedoch eingebettet in das Leben auf dem Land, wo mehrere Generationen unter einem Dach lebten und gemeinsam wirtschafteten. Die Industriegesellschaft hat diesen Rahmen weitgehend aufgelöst und mit ihm vieles, was die Generationen ganz selbstverständlich miteinander verband.
Ich glaube, dass für unsere Gesellschaft aktuell ein Generationenwechsel ansteht. Führungspositionen und Vermögen liegen heute zum Großteil bei der sogenannten “Boomer”-Generation. Sie wuchs in der Nachkriegszeit auf, zwischen Wiederaufbau und Wirtschaftswunder, und hat großen materiellen Wohlstand aufgebaut.
Mittlerweile brauchen wir jedoch nicht noch mehr Wachstum und materialle Güter, sondern Sinn, Verbundenheit mit der Natur, lebendige Demokratie und Kooperation statt Konkurrenz. Unsere Gesellschaft braucht ein neues Betriebssystem mit einer neuen, postmateriellen Logik.
Meine Generation und die Gen Z bringen dafür viel mit. Wir stehen auf den Schultern der Generationen vor uns und sind mit anderen Fragen aufgewachsen: mit dem Bewusstsein für ökologische Grenzen, mit globaler Vernetzung, mit der Suche nach Sinn als Selbstverständlichkeit. Damit bringen wir vieles mit, was diese Zeit braucht.
Aus meiner Sicht braucht es daher eine Übergabe der operativen Verantwortung, der Führung und der notwendigen Ressourcen an die jüngeren Generationen.
Ich habe die Erfahrung gemacht, dass für viele Ältere in dieser Vorstellung auch eine große Erleichterung liegen kann: einen Schritt zurückzutreten, nicht mehr alles selbst tragen zu müssen und die Verantwortung in jüngere Hände zu legen. Gleichzeitig fällt das Loslassen oft schwer. Und angesichts der vielen Krisen unserer Zeit meldet sich schnell das schlechte Gewissen, doch noch mehr beitragen zu müssen.
Wenn ich darauf schaue, spüre ich in mir ein klares Ja: Es ist okay. Meine Generation ist am Zug – und mit uns die Jüngeren, die mitgestalten wollen. Wir sind auf dem Höhepunkt unserer Kraft und bereit, Verantwortung zu übernehmen. Aber wir brauchen euch Ältere im Rücken. Wir brauchen Bestärkung, Rat und Orientierung – gerade dann, wenn es schwierig wird. Und wir brauchen die notwendigen Ressourcen. Solange das Vermögen vor allem bei den Älteren liegt, fehlen den jüngeren Generationen oft die Mittel, um das Neue aufzubauen.
Was ich mir von den Generationen wünsche
An die Jüngeren
Ich verstehe gut, dass ihr gehört, gesehen und beteiligt werden wollt, und ich halte das für berechtigt. Diese Gesellschaft braucht eure Stimme und eure Ideen. Ich wünsche mir, dass ihr einen echten Platz am Tisch bekommt, mit Einfluss und nicht als Dekoration.
Bei „Gen Z regelt“ werde ich trotzdem skeptisch. Ich glaube nicht, dass irgendeine Generation die Krisen dieser Zeit im Alleingang lösen kann – meine nicht, eure nicht und die der Älteren auch nicht. Wir brauchen einander.
Es ist gut, mit etwas Nachsicht auf die Älteren zu schauen. Viele von ihnen haben selbst nie bekommen, was ihr jetzt einfordert. Wer kaum gehört wurde, hat oft nie gelernt, zuzuhören. Vielleicht könnt ihr es ihnen zeigen.
An uns in der Mitte
Für meine eigene Generation sehe ich vor allem eine Aufgabe: Brücken zu bauen. Wir können den Jüngeren wirklich zuhören, nachfragen, sie in Entscheidungen einbinden und ihnen Schritt für Schritt Verantwortung übertragen.
Genauso können wir auf die Älteren zugehen und mit ihnen über unsere Wunden und Bedürfnisse sprechen, auch über das, was wir von ihnen nicht bekommen haben. Das ist nicht leicht.
Und ich glaube, wir dürfen mutiger aussprechen, was wir für unsere Aufgabe brauchen: Ressourcen, Rückhalt und die Bereitschaft der Älteren, Verantwortung zu übergeben.
An die Älteren
Ich wünsche mir, dass ihr die operative Verantwortung abgebt, wenn es an der Zeit ist. Dass ihr loslassen könnt, wenn es genug ist, und den jüngeren Generationen Ressourcen übergebt, wenn diese sie brauchen.
Und ich wünsche mir, dass ihr den Jüngeren im Rücken steht – mit eurer Lebenserfahrung, eurer Gelassenheit und eurem Blick fürs Wesentliche.
Ich wünsche mir auch Nachsicht mit uns Jüngeren, wenn wir ungeduldig, laut oder unbequem sind. Oft steckt dahinter einfach der Wunsch, gehört zu werden.
Dafür gehört ihr nicht an den Rand, sondern mitten ins gesellschaftliche Leben. Ich wünsche mir, dass wir Jüngeren euch einbinden und fragen, und dass ihr einfordert, gefragt zu werden. Wir brauchen euch, oft mehr, als wir selbst wissen.
Über die Wunden sprechen
Wenn ich auf all das schaue, erscheint mir ein Schritt besonders wichtig: dass wir über unsere Wunden sprechen. Jede Generation trägt ihre Verletzungen, und kaum eine Familie ist frei von Konflikten. Wer sich schon einmal intensiv mit der eigenen Familiengeschichte beschäftigt hat, etwa in einer Familienaufstellung, kann erahnen, wie viel Unordnung in den meisten Familien herrscht – wie viel Schmerz, wie viele Tragödien, Traumata und Verluste.
Solange wir diese Wunden verschweigen, bleibt jede und jeder mit ihnen allein. Sie heilen nicht, sondern wirken im Verborgenen weiter als Vorwurf, Rückzug, Unverständnis oder Härte. So trennen sie uns. Wir halten einander für das Problem und reiben uns in Schuldzuweisungen auf.
Wenn wir jedoch miteinander darüber reden, können dieselben Wunden uns verbinden. Wer hört, was andere erlebt haben, kann Verständnis und Mitgefühl entwickeln. Unsere Wunden sind einander ähnlicher, als wir denken. Das verlangt Mut. Es heißt, sich verletzlich zu zeigen, wo man gelernt hat, stark und hart zu sein. Aber genau hier liegt die Chance, einen destruktiven Kreislauf zu unterbrechen.
Daher möchte ich anregen, den Dialog zwischen den Generationen zu suchen. Im Austausch über die unterschiedlichen Geschichten, Wunden und Bedürfnisse können berührende Begegnungen entstehen. Wir haben uns so viel zu geben und die Krisen unserer Zeit werden wir nur gemeinsam lösen können, wenn die Generationen zusammenstehen. Vielleicht fallen dir direkt Verwandte, Nachbarn oder Bekannte ein, mit denen du dich einmal darüber austauschen könntest. Oft gibt es auf beiden Seiten Unsicherheit im Kontakt über die Generationen hinweg – vielleicht ist genau das ein guter Gesprächseinstieg.
PS: Für 2027 plane ich eine Veranstaltung zum Generationendialog. Dort wollen wir gemeinsam erforschen, was zwischen uns steht, und Brücken darüber bauen. Ich bin gespannt, was das in Bewegung setzt und welche Kräfte frei werden, wenn die Generationen wieder zusammenstehen und die Dinge „in Ordnung kommen“.
[Hinweis: Ideen, Gedanken und Aufbau dieses Textes stammen von mir. Bei Sprache und Stil hat mich eine KI unterstützt.]